Autobiografie

Kein fester Ort

Andrei Markovits Foto: UM Photography, A. Thomason

Autobiografie

Kein fester Ort

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Andrei Markovits über das Glück seiner Wurzellosigkeit

von Ralf Balke  07.01.2023 17:41 Uhr

Irgendwann hat Andrei Markovits einen so weit. Nachdem er sich in seiner jüngst erschienenen Autobiografie gefühlt ungefähr 100-mal über die Band Grateful Dead und ihren Frontmann Jerry Garcia ausgelassen hat, die er geradezu liebevoll »meine amerikanische Familie« nennt, sucht man auf Spotify oder YouTube nach ihren Songs.

Und bald schon versteht man bei der Lektüre – und natürlich beim Hören der Musik – den Zusammenhang zwischen diesen Säulenheiligen des Rock ’n’ Roll-Tempels und dem, was der Politikwissenschaftler und Soziologe mit »Wurzellosigkeit« meint. Und zwar die Tatsache, dass manche zum Glücklichsein eben keinen festen Ort oder eindeutige nationale Zugehörigkeit brauchen, sehr wohl aber einen Rahmen aus Ideen und Menschen, kulturellen Bezugspunkten oder auch Sprachen. Genau dieser steht dann für das eigentliche Zuhause.

vielsprachigkeit Und eine solche »Wurzellosigkeit« ist Markovits quasi in die Wiege gelegt worden. Denn 1948 kam er als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie im rumänischen Timisoara zur Welt, einem »Ort der Vielsprachigkeit, wie es seiner multikulturellen Geschichte am östlichen Rand des Habsburger Reiches entspricht«. Zu Hause redete man Ungarisch, aber obwohl zahlreiche seiner Verwandten in der Schoa ermordet wurden, bedeutete das nicht, dass man sich von der deutschen Kultur und Sprache distanziert hatte – eher das Gegenteil sollte der Fall sein.

Markovits ist keine zehn Jahre alt, als die Mutter stirbt und er mit seinem Vater nach Wien zieht. Doch Österreich war nie für ihn das Gelobte Land. Bereits als Jugendlicher stand fest, dass es weitergeht, und zwar Richtung Westen. Die »Goldene Medine«, wie die Vereinigten Staaten auf Jiddisch gerne genannt werden, mussten es sein. Nicht zuletzt durch Zufallsbegegnungen startete er dort seine akademische Karriere und machte sich rasch einen Namen, was wohl ebenfalls daran lag, dass sich Markovits damals eher unkonventionellen Themen widmete, beispielsweise der Rolle des modernen Sports in Kultur und Gesellschaft.
Aber noch etwas geschah.

»In gewisser Weise wurde ich mit Anfang 20 in New York zum osteuropäischen Juden«, schreibt Markovits. Für ihn, der in einer klassisch bildungsbürgerlichen Welt »deutscher oder germanisierter Jüdinnen und Juden« aufgewachsen ist, in der man auf alles, was aus dem östlichen Europa – und das fing für Familie Markovits bereits hinter Timisoara an – kam, mit einer gehörigen Portion Chauvinismus herabblickte, wurde das zu einer völlig neuen, prägenden Erfahrung.

Distanz Zudem schien die geografische Distanz zur Alten Welt es ihm zu ermöglichen, sich ab einem gewissen Punkt in seinem Leben intensiv mit Deutschland auseinanderzusetzen, erst mit der bundesrepublikanischen Gewerkschaftsbewegung und später mit dem, was er nur noch als »the thing« bezeichnete, »dieses giftige, schwammige, aber deutlich wahrnehmbare Amalgam aus Antisemitismus, Israelhass, Antiamerikanismus, dem deutschen Nationalismus, Nazismus und antiwestlichem Ressentiment, um nur ein paar der Zutaten zu nennen«. Daraus entstand 2004 sein zeitloser Klassiker Amerika, dich hasst sich’s besser – Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa.

Manchmal schwingt in seinen Beschreibungen dessen, was für ihn persönlich die Vereinigten Staaten bedeuten und welche Faszination von diesem Land ausgeht, ein ganz subtiler Unterton mit, der unterschwellig etwas anderes zum Ausdruck bringt, und zwar eine gewisse nostalgische Sehnsucht nach dem Habsburgerreich, jenem multiethnisch komponierten Gebilde, das zwar fern davon war, ein liberales, geschweige denn demokratisches Gemeinwesen zu sein, aber ein Miteinander der verschiedensten Ethnien und Religionen ermöglichte, was eine Ebene der kulturellen Identifikationsmöglichkeiten schuf.

Andrei Markovits: »Der Pass ist mein Zuhause«. Neofelis, Berlin 2022, 326 S., 18 €

TV-Kritik

»Nie allein«: Arte-Drama über Finnlands Kooperation mit Nazi-Deutschland

1942 lieferte Finnland eine Gruppe von Juden an die Nationalsozialisten aus, fast alle wurden kurz darauf ermordet. Eine internationale Koproduktion erzählt ihre Geschichte - und die von Abraham Stiller

von Katharina Zeckau  04.05.2026

Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der israelische Bildhauer über den Rücktritt der Jury und die Politisierung der Kunstbiennale von Venedig

von Ayala Goldmann  04.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  04.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  04.05.2026

Berlin

25 Jahre Jüdisches Museum: Jubiläumsjahr mit Ausstellungen, Konzerten und digitalen Projekten

Zum Museumsgeburtstag wird ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen und digitalen Initiativen angekündigt

 04.05.2026

Kontroverse

Lahav Shani, Belgien und der Boykott

Die Münchner Philharmoniker und ihr israelischer Chefdirigent sollen im November im Brüsseler Konzerthaus Bozar auftreten - die flämischen Grünen gehen dagegen auf die Barrikaden

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Venedig/Rom

Nach Rücktritt von Jury: Biennale-Chef unter Druck

Die Ausstellung in der Lagunenstadt kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Jetzt nimmt die rechte Regierung in Rom den von ihr ernannten Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco ins Visier

 04.05.2026

Eurovision Song Contest

Erste Probe von Israels ESC-Delegation in Wien erfolgt

Wegen Boykottaufrufen, angekündigten Demos und dem grassierenden Judenhass: Umfassendere Sicherheitsmaßnahmen für den Sänger Noam Bettan und sein Team greifen bereits

 04.05.2026