Debatte

Kampf um »Mein Kampf«

Um die Neuauflage von Hitlers Pamphlet ist ein Streit entbrannt. Foto: dpa

Ganze zwei Leser pro Jahr bestellen sich Hitlers Mein Kampf in den Lesesaal der Historischen Sammlungen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Eine Einsicht ist allerdings nur erlaubt, wenn man zuvor schriftlich erklärt, dass man den Text nur zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet.

Wer keine Lust hat, sich im Lesesaal die Zeit mit handschriftlichen Notizen zu vertreiben, kann sich das Buch ohne Probleme antiquarisch besorgen. Wahrscheinlich befinden sich in Deutschland ohnehin noch mehrere Hunderttausend Exemplare in Privatbesitz.

Urheberrechte Weder der Besitz noch die Verbreitung der historischen Ausgabe von Mein Kampf sind nach geltendem Recht verboten. Allerdings hat der Freistaat Bayern, als Inhaber der Urheberrechte, bislang zu verhindern gewusst, dass das Buch in der Bundesrepublik neu aufgelegt wurde. Was sich allerdings nicht verhindern ließ, ist die massenhafte Verbreitung des Machwerks im Ausland.

Nicht nur in arabischer und türkischer Sprache ist Mein Kampf ein Bestseller. Auf Amazon.com verkaufen sich die englischsprachigen Übersetzungen sehr gut. Es wird geschätzt, dass weltweit rund zwölf Millionen Exemplare des Buchs gedruckt wurden. Die Zahl der Downloads im Netz dürfte ebenfalls nicht unerheblich sein.

Ab Januar 2016 wird das Buch, 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers, gemeinfrei sein. Dann ist prinzipiell jeder Verlag berechtigt, das Buch in einer neuen Ausgabe auf den Markt zu bringen. Auch in Deutschland. Andreas Nachama, Historiker und Rabbiner, bezweifelt allerdings, dass eine Neuauflage in der extremen Rechten viele Leser finden würde: »Die heutigen Neonazis und Rechtsradikalen finden in dem Buch auf ihre Fragen doch gar keine Antworten. ›Lebensraum im Osten‹, das ist in dem Buch ein sehr großes Thema. Will darüber heute hier irgendjemand reden? Kann man damit bei einer Landtagswahl einen Blumentopf gewinnen? Große Teile dessen, was in dem Buch steht, sind doch total erledigt.«

Zentralrat »Nach dem Auslaufen des Urheberrechts«, so warnt jedoch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sei »die Gefahr sehr groß, dass dieses Machwerk verstärkt auf den Markt gebracht wird«. Er fordert deswegen, dass die Strafverfolgungsbehörden »mit aller Konsequenz gegen die Verbreitung und den Verkauf des Buches vorgehen«.

Während die Justizministerkonferenz bereits angekündigt hat, eine Neuauflage mit den bestehenden gesetzlichen Mitteln zu verhindern, melden sich auch Stimmen, die ein Verbot des Buches, sollte es sich überhaupt durchsetzen lassen, für kontraproduktiv halten. »Verbote wecken den Reiz, sie zu übertreten«, meint der Historiker Michael Wolffsohn. »Das Verbotene erscheint reizvoll. Wer möchte denn ausgerechnet Hitlers Mein Kampf reizvoll erscheinen lassen?«

Auch der Historiker Michael Brenner vermutet, dass ein »Verbot des Buches im Internetzeitalter den Kultstatus des Buches in rechten Kreisen« lediglich erhöhen würde. »Um den im Internet erhältlichen Ausgaben etwas entgegnen zu können«, so Brenner, »ist eine wissenschaftliche Ausgabe vonnöten. Diese ist ohnehin für die weitere Erforschung des Nationalsozialismus unentbehrlich.« Auch Josef Schuster hat »nichts dagegen einzuwenden, wenn eine wissenschaftlich-kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre zur Verfügung steht«.

Monolog Die Auffassung, dass eine wissenschaftliche Edition von Mein Kampf notwendig sei, wird allerdings nicht von allen geteilt. So verspricht sich der Historiker Wolfgang Benz, früherer Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, von einer kritischen Edition des Buches keine wichtigen neuen Erkenntnisse. Hitlers Buch, so Benz, sei doch nichts weiter als »der langweilige Monolog eines Besessenen« und werde »als Werk an sich weit überschätzt«.

An einer wissenschaftlichen Edition des Hitler-Buchs – an der sich Bayern anfangs finanziell beteiligen wollte, bevor es dann auf Anweisung Horst Seehofers einen Rückzieher machte – arbeitet das renommierte Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Für Christian Hartmann, den Projektleiter der Edition, ist die für Januar 2016 angekündigte kommentierte Neuausgabe von Mein Kampf gleich aus mehreren Gründen notwendig: »Für uns waren vor allem drei Überlegungen maßgeblich: Alles, was von Hitler überliefert ist, wurde inzwischen publiziert und auch wissenschaftlich ediert. Zweiter Punkt ist, dass das Buch nun einmal die zentrale Quelle des Nationalsozialismus ist. Und der dritte Punkt: Wir wollen das Buch nicht frei in der Welt vagabundieren lassen.«

Hartmann zufolge gibt es zwei Möglichkeiten, mit Mein Kampf umzugehen: »Man kann das Buch weiterhin tabuisieren und diesen negativen Mythos nähren, oder aber man kann sich aktiv offensiv mit diesem Buch auseinandersetzen. Mit unserer Edition wollen wir den Mythos um das Buch gründlich zerstören. Unsere Edition ist eine völlige Destruktion dieses Buchs.« Es gehe, fügt Hartmann hinzu, auch darum, »dass wir eine Art Referenzausgabe haben, die möglicherweise dann auch in andere Sprachen übersetzt werden wird. Sicherlich werden die Neonazis jetzt keine Abendschulungen zu unserer Edition durchführen, aber dieses Wissen, das wir erarbeitet haben, wird sich natürlich verbreiten. Das ist ganz klar.«

überfällig Der renommierte Schoa-Forscher Peter Longerich macht sich für die Münchner Edition stark: »Eine Veröffentlichung des kommentierten Textes ist überfällig. Mein Kampf ist ohnehin überall verfügbar, und man kann solche Texte im Informationszeitalter nicht unterdrücken. Ich halte es daher auch für problematisch, sich bis zum letztmöglichen Zeitpunkt des Urheberrechts zu bedienen, um einen Nachdruck zu verhindern.«

Nach dem Ablauf des Urheberrechts käme nur ein Verbot aufgrund des Gesetzes gegen die Verbreitung nationalsozialistischer Schriften infrage, so Longerich weiter. »Dies aber nimmt ausdrücklich Editionen mit wissenschaftlicher oder edukatorischer Zielsetzung vom Verbot aus, und das ist natürlich richtig so. Schon insofern ist die Kommentierung die Voraussetzung für eine Edition, und es ist zu begrüßen, dass das IfZ hier mit einem sehr aufwendigen Projekt eingestiegen ist.«

Klar ist aber auch, dass die bald erscheinende zweibändige Edition von Adolf Hitlers Mein Kampf, ungeachtet der Absichten ihrer Herausgeber, lauten Protest hervorrufen wird. So lehnt zum Beispiel die 1921 in Berlin geborene Esther Herlitz, ehemalige israelische Diplomatin und Knesset-Abgeordnete sowie diesjährige Trägerin des Israel-Preises, eine deutsche Neuauflage des antisemitischen Pamphlets in jedweder Form, auch als kritisch kommentierte Edition, grundsätzlich ab. Damit dürfte die große alte Dame der Arbeitspartei in Israel nicht alleine stehen.

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