Literatur

Jenseits der Schwarz-Weiß-Malerei

Nadine Gordimer (1923-2014) Foto: dpa

Literatur

Jenseits der Schwarz-Weiß-Malerei

Die südafrikanische Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer starb im Alter von 90 Jahren

von Wolf Scheller  14.07.2014 15:27 Uhr

Der Schriftsteller, hat Nadine Gordimer einmal gesagt, steht unter dem Druck der Erwartung jener, deren Ziele und Ideale er teilt: »Seine Integrität als Mensch verlangt von ihm, dass er jedes Opfer bringt, das dem Kampf um Freiheit nützt.«

Mehr noch als in ihren großen Romanen hat Nadine Gordimer in vielen politischen Essays den Balanceakt engagierten Schreibens zu deuten versucht, für das sie eine Trennung zwischen dem Privaten und dem Politischen nicht gelten ließ. »Protestliteratur« war das nach ihrem eigenen Verständnis aber nie.

Gordimer wollte Einsichten in eine empörende und irritierende Wirklichkeit vermitteln. Für ihr Lebenswerk im Zeichen des Kampfes gegen politische und soziale Ungerechtigkeit wurde sie 1991 mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Drei Jahre später war ihr Lebensziel Realität geworden: Die Apartheid in Südafrika endete.

prinzipien Die 1923 in Johannesburg geborene Grande Dame der südafrikanischen Literatur war Jüdin, wenngleich sie daraus nie viel Aufhebens machte. Das war Familientradition. Ihre Eltern, eine jüdische Engländerin und ein aus Litauen eingewanderter Uhrmacher, dessen Muttersprache Jiddisch und dessen Schulbildung deutsch war, standen jüdischem Brauchtum und Denken distanziert gegenüber. Sie schickten die Tochter auf eine katholische Klosterschule.

Wenn es in Leben und Werk Nadine Gordimers dennoch so etwas wie eine jüdische Konstante gab, dann wohl in ihrer prinzipiellen Ablehnung der Apartheid. Mehrfach betonte sie, zu den absoluten Gewissheiten ihres Lebens gehöre die Überzeugung, »dass der Rassismus böse ist – menschliche Verdammnis im Sinne des Alten Testaments–, und keine Kompromisse und keine Opfer sollten zu groß sein im Kampf gegen ihn«.

selbstbefragung Auch nach dem Ende der Apartheid rückte Gordimer nicht ab von ihrem Gestus intensiver Selbstbefragung. 1996, fünf Jahre, nachdem sie den Literaturnobelpreis erhalten hatte, reagierte die Schriftstellerin mit ihrem zwölften Roman Niemand, der mit mir geht auf die veränderten politischen Verhältnisse in Südafrika.

Die Protagonisten – ein schwarzes und ein liberales weißes Paar, die aus dem Exil zurückgekehrt sind – finden sich in der neuen Zeit nicht mehr zurecht. Sie scheitern an den gewaltsam deformierten Beziehungen. Auch in dem Roman Ein Mann von der Straße 2001 stellte Gordimer dar, wie die Menschen am Kap seelisch beschädigt wurden und immer wieder in rassistische Klischeefallen stolpern.

Als 2008 ihr Buch Fang an zu leben erschien, hatte die Autorin gerade eine Heimsuchung der besonderen Art überstanden. Sie war in ihrem Haus am Rande von Johannesburg von drei jungen Schwarzen überfallen und beraubt worden. Alles wurde ihr weggenommen: Bargeld, Schmuck, sogar der Ehering, der ihr nach dem Tod ihres Mannes, eines emigrierten Juden aus der Berliner Intellektuellenfamilie Cassirer, besonders viel bedeutete. Doch die Ausgeraubte reagierte prinzipienfest: Gäbe man den jungen Leuten Arbeit, Brot und eine menschenwürdige Bleibe, erklärte sie, hätten sie keinen Anlass mehr, fremde Leute zu überfallen.

zweifel
Vor Kritik aus dem eigenen Lager hat Gordimer ihre Haltung nicht geschützt. Radikale Gegner des weißen Regimes in Pretoria warfen dem langjährigen ANC-Mitglied immer wieder ihre privilegierte gesellschaftliche Position vor und beschuldigten sie, in ihren Büchern nicht entschieden genug ihr politisches Urteil kenntlich gemacht zu haben.

Ein Missverständnis. Nadine Gordimer hat immer wieder in Interviews betont, dass sie sich nicht als Propagandistin verstand, die andere von ihren politischen Idealen überzeugen wollte. Als Literatin wollte sie die Wirklichkeit und deren verborgene Aspekte beleuchten. Eindimensionale Schwarz-Weiß-Malerei war die Sache dieser Schriftstellerin nie gewesen.

Am Sonntag, den 13. Juli, ist Nadine Gordimer im Alter von 90 Jahren in ihrer Geburtsstadt Johannesburg gestorben.

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026