Literatur

Jenseits der revolutionären Illusionen

Selbstzweiflerisch: Nadine Gordimer Foto: dpa

Für ihr Lebenswerk im Zeichen des Kampfes gegen politische und soziale Ungerechtigkeit wurde Nadine Gordimer 1991 mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Drei Jahre später war ihr Lebensziel Realität geworden: Die Apartheid in Südafrika endete.

Doch Triumphgefühle stellten sich bei Nadine Gordimer damals und bis heute nicht ein. Selbstzweifel und Selbstkritik prägen weiter ihr Denken und Fühlen: »Ernest Hemingway sagte, wir befreien uns durch das Schreiben von Büchern von unseren Krankheiten, und er hat sich erschossen …«, bemerkt sie in einem ihrer Essays. Wenn Gordimer, die am 20. November 90 Jahre alt wird, schreibt und liest, bewegt sie sich gewissermaßen auf sich selbst zu: »Ich schreibe, das ist das Fundament meiner Identität.« Sie forscht dabei auch nach dem Sinn des eigenen Lebens: »Das ist anregend und oft überraschend.«

auswahl Zu Nadine Gordimers 9o. Geburtstag hat der Berlin-Verlag jetzt eine zweibändige Auswahl ihres essayistischen und erzählerischen Werkes herausgebracht, die von ihrem künstlerischen und politischen Engagement Zeugnis gibt. Der Band Erlebte Zeiten mit Erzählungen aus mehr als sechs Jahrzehnten zeigt eine stets behutsame und feinfühlige Schriftstellerin, die immer wieder Erstaunliches an menschlichem Verhalten zutage fördert.

Es ist ein Erzählen, das die schrillen Töne meidet und Aufwühlendes mit Verhaltenheit darstellt. Einige dieser Erzählungen werden hier erstmals präsentiert, die meisten freilich sind aus früheren Übersetzungen übernommen. Es geht um fließende Identitäten, kulturelle Unterschiede, um Lügen und Moral, Liebe und Freundschaft über Rassengrenzen hinweg, um Unterdrückung und Widerstand. Das sind auch die tragenden Themen von Nadine Gordimers großen Romanen.

Der zweite Band der Ausgabe, Bewegte Zeiten, vereint politische Reden und Aufsätze aus mehr als 50 Jahren und bietet dabei auch Einblicke in Nadine Gordimers frühe politische Sozialisation. Ihr geht es nicht um große Gesten und spektakuläre Aktionen. Als unerbittliche Gegnerin der Unterdrückung entschloss sie sich, im Graubereich von Literatur und Politik zu leben. Politisches, so sehr ihr daran liegt, schlägt nicht programmatisch oder bekenntnishaft zu Buche. Beeindruckend sind in diesen Texten ihre überscharfe Wahrnehmung und ihre Fähigkeit, in Bildern zu sprechen.

engagement Vielleicht hat ihre Herkunft sie da in besonderer Weise geprägt. Nadine Gordimer ist Jüdin. Sie wurde als Tochter einer Engländerin und eines aus Litauen ausgewanderten Uhrmachers in der südafrikanischen Grubenstadt Springs geboren. Ihr Vater war nicht fromm, ging in die Synagoge nur an Jom Kippur, um Kerzen für seine verstorbenen Eltern anzuzünden.

»Was ich übers Judentum lernte, entsprang lediglich meinem allgemeinen Interesse.« Dass Nadine Gordimer sich dem Kampf gegen den Rassismus verschrieb, mag auch mit ihrer Ehe zu tun haben. Fast 50 Jahre lang war sie mit Reinhold Cassirer verheiratet, der aus einer alten deutsch-jüdischen Intellektuellenfamilie stammte und in den 30er-Jahren aus seinem Geburtsland fliehen musste.

Manche, die in Gordimer vor allem die politische Aktivistin sahen, vermuteten, dass ihr nach dem Ende der Apartheid die Themen ausgehen würden. Das hat sich nicht bewahrheitet. Allerdings hat ihr Ton sich geändert. Mit dem im heutigen Südafrika herrschenden Establishment des African National Congress (ANC) hat sie schon lange nicht mehr viel zu tun. Ihre Sympathie für den ANC hat sich Gordimer dennoch im Grundsatz bewahrt. Doch aus ihrem im Herbst vorigen Jahres erschienenen Roman Keine Zeit wie diese lässt sich herauslesen, dass sie, die sich der politischen Linken weiter zugehörig fühlt, längst im Zustand der nachrevolutionären Desillusionierung angelangt ist.

Nadine Gordimer: »Erlebte Zeiten. Erzählungen 1952–2007«; »Bewegte Zeiten. Leben und Schreiben 1954–2008«. Berlin Verlag, Berlin 2013, 736 u. 384 S., 78 €

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 01.11.2026

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

 01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026