Gesprächsband

Jenseits der Dogmen

Daniel Cohn-Bendit (81) Foto: picture alliance / Bernd Kammerer

»Ich werde zum Juden, aber nicht nur im Sartreschen Sinne. Seit einiger Zeit benötige ich dafür keine Antisemiten mehr. Auch wenn es mir schwerfällt zu definieren, was das überhaupt bedeutet, bin ich Jude.« Eine Einsicht, die sich bei Daniel Cohn-Bendit infolge der öffentlichen (Nicht-)Reaktionen nach dem 7. Oktober 2023 noch verstärkt hat: »Außer den Juden war so gut wie niemand traumatisiert.«

Befragt von der französischen Journalistin Marion Van Renterghem, gibt »Dany le Rouge«, inzwischen 81 Jahre alt, ausführlich Lebensauskunft: Erinnerungen eines Vaterlandslosen heißt der Gesprächsband, der zu Anfang weit zurückführt in Cohn-Bendits Biografie und diejenige seiner Eltern, 1933 aus Nazi-Deutschland nach Frankreich geflüchteter Juden. Der Vater ein politisch linksstehender Anwalt, die Mutter zwar mit Religion und Zionismus sympathisierend, doch keiner von ihnen gläubig.

Im Exil, in dem die beiden auch Hannah Arendt und deren Mann Heinrich Blücher kennenlernten, ging es vor allem ums Überleben, besonders nach der französischen Niederlage 1940. Der 1936 erstgeborene Gabriel konnte erfolgreich versteckt werden, Daniel kam erst bei Kriegsende zur Welt, neun Monate nach der Landung der Alliierten.

Er war weder beschnitten noch durch eine Barmizwa geprägt, im Unterschied zu seinem Bruder auch kein naturalisierter Franzose (was später im Zuge der Studentenrevolte die medial Wellen schlagende Ausweisung aus Frankreich erleichtern wird). Als lesehungriger Adoleszent war er beizeiten von kommunistischer Dogmatik angeödet, dabei als hedonistischer Freiheitsfreund ein geradezu natürlicher Gegner saturierter Konventionen in Staat, Gesellschaft, aber auch im Denken. Wie sollte sich so einer positionieren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Spannend die Erinnerungen an den Pariser Mai 1968

Spannend die Erinnerungen an den Pariser Mai 1968 – wenngleich ausgerechnet Danys berühmte Konfrontation mit dem moskautreuen Star-Schriftsteller Louis Aragon in ihren emanzipatorischen Auswirkungen auf eine unorthodoxe französische Linke hier keine entsprechende Erwähnung findet.

Interessant ist auch, dass Cohn-Bendit die nachfolgende Zeit in Deutschland – die Graswurzel-Arbeit in Frankfurt und die Auseinandersetzungen mit dem Irrweg des RAF-Terrors – keineswegs als Ankunft im grauen Alltag empfindet. Die Einreisesperre nach Frankreich wurde auf Drängen seiner Freunde André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy erst 1978 durch Präsident Giscard d’Estaing aufgehoben.

Stattdessen – zusammen mit seinem Kumpel Joschka Fischer, dessen Machtinstinkt er freilich eher mit Neugier denn mit Neid betrachtet – engagierte er sich bei der Gründung der Grünen. 1995 unternahm er den (damals noch erfolglosen) Versuch, angesichts der serbischen Massenverbrechen die Partei mit der Doktrin eines sterilen Pazifismus brechen zu lassen. Nicht zufällig war sein Stichwortgeber in dieser notwendigen Debatte Marek Edelman, der letzte damals noch lebende Kommandant des Warschauer Ghettoaufstandes.

Zwar lesen sich die Erinnerungen an die bis 2014 währende Abgeordnetenzeit im Europaparlament ein wenig so, als wäre Daniel Cohn-Bendit dort der einzige Streiter für die Menschenrechte gewesen. Auch fehlen durchaus schmerzlich Überlegungen zum wiedererstarkten Antisemitismus vor allem in der französischen Linken.

Und doch bietet dieses Buch einen erstaunlichen Erfahrungsgewinn – nicht zuletzt in der Einsicht, dass ein lebenslanger Aktivismus keineswegs einhergehen muss mit verbitterter Rechthaberei. Sondern im besten Fall flankiert wird von glockenhellem Gelächter, frech und frei – und allen stocksteifen Gralshütern jene Zumutung, die sie verdienen.

Daniel Cohn-Bendit: »Erinnerungen eines Vaterlandslosen«. Aus dem Französischen von Petra Willim. Jacoby & Stuart, Stuttgart 2026, 240 S., 26 €

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