Literatur

Immer neue Sederdramen

Der Lektor und Schriftsteller Joachim Schnerf lebt in Paris. Foto: Getty Images

Die nur scheinbar unwissende Frage »Warum ist diese Nacht anders als alle anderen?« aus dem Mund des jüngsten Familienmitglieds markiert traditionell einen der Höhepunkte des Sederabends an Pessach. Sie verleiht diesem Gaumen und Kondition so herausfordernden wie anregenden Fest all den erwartungsfrohen Glanz, den die glückliche Erinnerung an das Ende der Sklaverei verdient.

Für den alten Salomon, die Hauptfigur von Joachim Schnerfs Roman Wir waren eine wunderbare Erfindung, handelt es sich jedoch um eine bange, düstere Frage: Der erste Sederabend ohne seine geliebte Sarah steht vor der Tür. Nach dem Tod seiner Frau, die es als Einzige vermochte, die Familie zusammenzuhalten, ist es nun an ihm, den Seder durch seine vorhersehbaren Kollisionen und Katastrophen zu manövrieren.

festtag Die beiden Töchter sind seit Jahren zerstritten und setzen sich nur noch zu diesem Festtag an einen gemeinsamen Tisch. Ihre Männer – ein aschkenasischer Neurotiker mit schwacher Verdauung und ein sefardischer Lebemann mit Drang zum Sprücheklopfen – sowie die Palästina-solidarische Enkelin helfen auch nicht, die Zentrifugalkräfte zu mindern. Der Eklat, Produkt eingeschliffener innerfamiliärer Rollenmuster, nicht verziehener Kränkungen und kultivierter Vorurteile, steht sicher ins Haus.

Der alte Salomon drangsaliert die Runde mit schwarzen Witzen.

Schnerf lässt uns an Salomons mosaiksteinartigen Rückblicken auf vergangene Sederdramen und an seinen Vorahnungen auf den nahenden Abend teilhaben. Indem er seine tragikomische Geschichte vollständig in den fragmentierten Gedankenwelten seines Protagonisten spielen lässt, verlangt er dem Leser etwas an eigener Regieleistung ab.

Umso eindringlicher und tiefer gerät dafür die Schilderung von Salomons Ängsten, die Erinnerung an seine Frau zu verlieren oder sie korrumpieren zu lassen und nicht genug Stärke aufzubringen, die familiäre Pessach-Tradition fortzuführen.

Denn Salomon spielte bislang bei Tisch selbst die Rolle des Querulanten, der von Sarah mit sanfter Bestimmtheit immer wieder in den festlichen Ablauf zurückgeleitet wurde: Fast zwanghaft und bis zur Grenze der Boshaftigkeit drangsaliert Salomon, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, die Runde mit seinen schwarzen »KZ-Witzen«: »Wisst ihr, was in Sobibor am Eingang der Gaskammern stand? ›Achtung Stufe‹«.

Sie sind seine einzige Form des Umgangs mit der Sprachlosigkeit über das Durchlittene. Indem Schnerf zeigt, dass die »von den Nazis geschlagene Gedächtniswunde immer noch infiziert« ist und vor »Sarkasmen wimmelt«, mit denen er die Familie einerseits an sich heranzieht und im gleichen Zuge wieder abstößt, zeichnet er ein feinfühliges Porträt der tiefen Einsamkeit der Überlebenden.

Einer Einsamkeit, der er trotz aller Mühe und Zuwendung auch im Kreis seiner Familie ausgesetzt bleiben muss, und zu der jetzt auch noch diejenige als Witwer tritt, womit das fragile Überlebensarrangement vollends zu kollabieren droht.

haggada Noch bemerkenswerter ist diese empfindsame Familienerzählung deshalb, weil sich der formale Ablauf streng an der Dramaturgie der Haggada orientiert: Am Anfang verbrennen wir mit Salomon Chametz, auf den letzten Seiten verklingt »Chad gadja«, das »Lied vom Lämmchen«.

Der Leitfaden für den Seder liefert quasi die Matrize des Buches, was in dem Titel des französischen Originals Cette Nuit (Diese Nacht) bereits unterstrichen wird, während die deutsche Version den Akzent auf die Liebesbeziehung zwischen Salomon und Sarah legt.

Schnerf zeigt die jüdische Welt ohne Exotik und Stereotypen.

Etwas schade, denn ein so im wahrsten Sinne jüdisches Buch hat man lange nicht gesehen: Nicht etwa, weil der Autor, die Protagonisten oder die Geschichte jüdisch wären, daran mangelt es bekanntlich nicht.

Doch indem der gesamte beschriebene Lebens- und vor allem Problemkosmos (bis auf eine etwas unmotiviert hineinmontierte deutsche Austauschschülerin) im familiären Rahmen verbleibt und sich die Angehörigen mit all ihren Beschädigungen ineinander verbeißen, gelingt Schnerf die Darstellung eines Intimitätsraumes, in dem das Jüdische alle Exotik und Stereotypie abgestreift, die ihm so häufig angeklebt werden.

pessach Umso bedauerlicher ist, dass die deutsche Übersetzung immer wieder von »Osterabenden« oder »österlichen Liedern« spricht, wo im Französischen von »Pâques« die Rede ist. Letzteres bedeutet zwar auch »Ostern«, verweist aber im Gegensatz zum deutschen Wort durch seine etymologische Herkunft zunächst auf »Pessach« und ist daher auch für das jüdische Fest in Gebrauch.

Dies tut der Fulminanz jedoch keinen Abbruch, mit der Schnerf es versteht, in kleinen Beobachtungen und Szenen zu kondensieren, worüber man religionswissenschaftliche, erinnerungshistoriografische oder traumapsychologische Doktorarbeiten schreiben könnte. Wir waren eine wunderbare Erfindung ist ein Roman wie Lattich und Charosset, der nicht zuletzt die Frage stellt, wie uns die Poesie der Tradition dabei helfen kann, trotz allen Leidens weiterzubestehen.

Joachim Schnerf: »Wir waren eine gute Erfindung«. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Antje Kunstmann, München 2019, 144 S., 18 €

Oscar-Nominierungen

Natalie Portman: Frauen kommen zu kurz

Man sehe die Hürden für Regisseurinnen auf jeder Ebene, so die Schauspielerin

 27.01.2026

Fernsehen

Und dann sagt Gil Ofarim: »Jetzt habe ich ein bisschen was kapiert«

Am 4. Tag im Dschungelcamp spielte sich alles ab, wofür der Begriff »Fremdschämen« erfunden wurde

von Martin Krauß  26.01.2026

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  26.01.2026

USA

Natalie Portman kritisiert Gewalt durch ICE-Beamte

»Es ist wirklich unmöglich, nicht über das zu sprechen, was gerade passiert«, sagt die jüdische Schauspielerin beim Sundance Film Festival

 26.01.2026

Geschichte

War Opa Nazi?

Der Journalist Stephan Lebert und der Psychologe Louis Lewitan analysieren den intergenerationellen Umgang deutscher Familien mit den Verbrechen der NS-Täter

von Ralf Balke  26.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  26.01.2026

TV-Tipp

»Son of Saul« - Abgründiges und meisterhaftes Holocaust-Drama

Der Oscar-Gewinner hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck

von Jan Lehr  26.01.2026

Fernsehen

»Ich war soooo verliebt in Gil«

So war die dritte Folge des »Dschungelcamps« von RTL

von Martin Krauß  25.01.2026