Wuligers Woche

Im Reich des Wahns

Irrsinn als Triebkraft der Politik: Ungarns umstrittener Ministerpräsident Viktor Orbán Foto: imago

Wuligers Woche

Im Reich des Wahns

Verschwörungstheorien grassieren wieder. Zum Lachen ist das nicht

von Michael Wuliger  25.09.2017 19:47 Uhr

Unsere Wahlen sind gelaufen. Die in Ungarn stehen noch bevor. Dort tritt im Frühjahr nächsten Jahres Viktor Orbán gegen George Soros an. Zwar kandidiert der amerikanische Investor nicht in seinem Geburtsland, aber Orbán hat seine Wahlkampagne jetzt bereits ganz auf den Kampf gegen einen angeblichen »Soros-Plan« abgestellt.

Der jüdische Milliardär wolle, sagt der magyarische Ministerpräsident, Millionen Immigranten aus der Dritten Welt nach Europa bringen, um dessen Nationen zu »Ländern mit einem Mischvolk« umzugestalten und ihrer »christlichen und nationalen Identität« zu berauben.

Vernichtung Damit ist der gegenwärtige Antisemitismus endgültig im Stadium des Wahns angekommen. Die klassischen Klischees von den geldgierigen, auf ihren Vorteil bedachten, national unzuverlässigen Juden reichen nicht mehr. Es muss mittlerweile schon die Weltverschwörung zwecks Vernichtung der angestammten Völker sein.

Auch die Protokolle der Weisen von Zion sind wieder aktuell. Nicht nur in Ungarn, und nicht nur bei der Rechten. In der britischen Labour Party kursiert seit Jahren der Begriff der »Rothschild-Zionisten«, die angeblich hinter der Globalisierung und dem sozialen Abstieg der heimischen Arbeiterklasse stecken. Einst nur vom linksradikalen und islamistischen Narrensaum propagiert, reicht unter Jeremy Corbyns Führung dieses Verschwörungsgeraune inzwischen in den Mainstream der britischen Linken. Corbyn hätte aktuell laut Umfragen gute Chancen, Premierminister zu werden.

Und in Deutschland haben wir Oskar Lafontaine. Die Galionsfigur der Linkspartei trat Anfang des Monats zusammen mit anderen intellektuellen Größen wie Didi Hallervorden und Ken Jebsen bei einer Demonstration in Ramstein auf und erklärte in einer umjubelten Rede: »Wir haben nach wie vor eine unsichtbare Regierung, die die Geschicke dieser Welt bestimmt.« Auf Nachfragen würde Oskar sicherlich beteuern, dass die Juden nicht gemeint waren. Einige seiner besten Freunde sind jüdisch.

Finanzjudentum Fehlt jetzt nur noch, dass das internationale Finanzjudentum in und außerhalb Europas die Völker in einen Weltkrieg stürzen will. Ach, hatten wir ja schon: »Jenes Land«, das »den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet« und »Planspiele übt, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind«. So Günter Grass 2012 über Israel. Abrufbar im Archiv der »Süddeutschen Zeitung«, wo das Gedicht »Was gesagt werden muss« damals erschien.

Wie alle Äußerungen über unsichtbare Kräfte sind auch die von Orbán, Corbyn und Lafontaine natürlich absurd. Zum Lachen sind sie trotzdem nicht. Irrsinn als Triebkraft der Politik zieht sich durch die Geschichte. Und nichts garantiert, dass die sich nicht wiederholt. Verschwörungstheorien sind eine traditionelle Leibspeise der Völker. Die Zutaten liegen bereits auf dem Tisch. Ein Koch, der sie zusammenrührt, wird sich mit Pech auch finden. Es könnte, schneller als wir glauben, angerichtet sein. Mahlzeit!

Berlin

Tricia Tuttle pocht auf Unabhängigkeit der Berlinale

Die Festival-Intendantin bleibt - und hat Empfehlungen für die weitere Arbeit des Filmfestivals auf den Weg bekommen. Wie schaut sie darauf?

 06.03.2026

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Medien

»Unverhohlen antisemitisch«: Scharfe Kritik an »taz«-Kommentar zu Josef Schuster

Eine Redakteurin der linken Tageszeitung schreibt, der Zentralratspräsident solle zum Irankrieg »einfach mal die Klappe halten«. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft reagieren mit schweren Vorwürfen

von Joshua Schultheis  06.03.2026

Tel Aviv

»Michelle«: Israel stellt seinen Eurovision-Song 2026 vor

Das von Noam Bettan gesungene Lied kann man nun auch hören

 06.03.2026

8. März

Zurück an den Herd? Kommt nicht infrage!

Femizide erreichen Rekordzahlen, narzisstische Männer regieren die Welt. Liebe Frauen, steht dagegen auf, anstatt euch ins Privatleben zurückzuziehen! Ein Appell von Adriana Altaras

von Adriana Altaras  06.03.2026

Interview

»Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht die Aufgabe jüdischer Filme«

In Potsdam wurde das deutschlandweit erste universitäre Zentrum für jüdischen Film gegründet. Ein Gespräch mit der Leiterin Lea Wohl von Haselberg über schwierige Definitionen, kommende Projekte und eine zunehmend polarisierte Debatte

von Joshua Schultheis  05.03.2026

Berlin

»Nicht länger tragbar«: Rauswurf von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle gefordert

»Das internationale Filmfestival in Berlin hat sich in den letzten drei Jahren in ein Antisemitismus-Festival verwandelt«, heißt es in einer Petition. Diese fordert zwei bestimmte Konsequenzen

 05.03.2026 Aktualisiert

Zahl der Woche

8,90 Euro

Funfacts & Wissenswertes

 05.03.2026