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Nach dem Berlinale-Antisemitismus-Skandal: Was jetzt passieren muss

Dieser Instagram-Post wurde über einen Kanal des Filmfestivals verbreitet. Laut Berlinale-Angaben wurde der Account gehackt, die Posts gelöscht und Anzeige gegen unbekannt erstattet.

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Nach dem Berlinale-Antisemitismus-Skandal: Was jetzt passieren muss

Ein Kommentar von Maria Ossowski

von Maria Ossowski  27.02.2024 18:58 Uhr

Welch ein Versagen! Um dies in Zukunft zu vermeiden, folgt hier eine kleine Anleitung, wie solch ein Berlinale-Skandal nie wieder passieren könnte. Mit »solch ein Skandal« ist gemeint: Filmemacher, die Jury, die Festivalleitung der Berlinale, die Aktivisten und die Kulturpolitik, also jene, die sich selbst als progressiv, empathisch, kultiviert oder intellektuell verstehen, haben das Massaker und die Toten vom 7. Oktober 2023 ausgeblendet oder verdrängt.

Stattdessen wurde einseitig Israel des Genozids beschuldigt. Und niemand im woken, coolen und feierwütigen, champagnerdurstigen und fingerfoodhungrigen Berlinale-Palast-Publikum hat die Aktivisten auf der Bühne an den 7. Oktober erinnert. Deshalb übernehmen wir das hier und erklären den Berlinale-Machern, den politisch Verantwortlichen und den Zuschauern nochmal Punkt für Punkt:

1) Lernt bitte lesen!
Ihr werft Israel Genozid und Apartheid vor und beklatscht diese Aussagen. Ihr übernehmt damit die PR-Strategie der Hamas. Ihr unterstützt also eine in der Bevölkerung von Gaza und dem Westjor­danland fest verankerte Terrororganisation, die Frauen verachtet, Homosexuelle von Hochhäusern wirft, mordet, foltert, vergewaltigt und die Nation Israel mit zehn Millionen Einwohnern vernichten will.
Die Ideologie ist nachzulesen in der Charta der Hamas. Auf 36 Seiten. Warum kennt niemand von euch und euren Claqueuren diese schriftlich niedergelegte und millionenfach verbreitete Menschenverachtung? Haben Kulturleute und woke Filmgroupies offensichtlich das Lesen verlernt?

2) Redet nur, wenn ihr Bescheid wisst!
Ein Großteil der Kulturszene hat ein Problem im Umgang mit dem Nahost-Krieg. Der Kern lässt sich mit einem Zitat von Karl Valentin zusammenfassen: »Gesegnet sind jene, die nichts zu sagen haben und trotzdem den Mund halten.« Das Kunstwerk darf und muss frei sein. Aber die Macher müssen sich, bevor sie politische Statements vor einem Millionenpublikum im TV absondern, über Sachverhalte informieren. Die Hamas beging am 7. Oktober das schlimmste Massaker an Juden seit der Schoa. Es sind immer noch etliche Zivilisten, Alte, junge Mädchen, Kinder und Babys in den Tunneln der Hamas als Geiseln gefangen. Darunter ist auch David Cunio, der 2013 für die Berlinale als Schauspieler den Film Youth vertreten hat. Er ist Geisel.

Kein Wort zu ihm von den Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian oder von den Preisträgern. Rissenbeek hat in einem blutleeren, abgelesenen Statement nur einmal die Geiseln erwähnt, Cunios mit der Berlinale eng verbundenen Namen jedoch nicht. Gleichgültigkeit stand da als riesengroßer rosa Elefant im voll besetzten Raum.

3) Lernt, zu differenzieren und Widersprüche zu akzeptieren!
Die Polarisierung in der Gesellschaft durch Social Media macht vor der Kulturszene nicht halt. Außerdem generiert Provokation die wichtigste Währung der Szene, nämlich Aufmerksamkeit. Ein unhistorisches Bewusstsein und Opportunismus einem vermeintlichen Zeitgeist gegenüber kommt hinzu. Plappert nicht nach, was eure Blase vorgibt. Das riesige Leid in Gaza zu erwähnen, ist absolut richtig, nur bitte im Zusammenhang mit der Ursache.

4) Politiker und Veranstalter, macht eure Arbeit!
Ob Judenhass auf der documenta, die gesprengte Hannah-Arendt-Lesung im Museum Hamburger Bahnhof, der BDS-Unterstützerbrief oder die Berlinale: All dies waren, so Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann, Skandale mit Ansage. Überall war vorher klar, was passieren wird. Bei der Berlinale mit dem Film No other Land, einem Dokumentarfilm über die Räumung und Zerstörung palästinensischer Häuser durch die israelische Armee. Die Berlinale-Leitung hätte wissen müssen, wie sehr dieser Film aufpeitscht. Ihn nach dem 7. Oktober einzuladen, war ein Wagnis. Dies hätten die Veranstalter vorher abfedern, die Moderation einbeziehen müssen. Jetzt ist die Berlinale ein Scherbenhaufen, der vielleicht ein Gutes hat: Veranstalter müssen ab jetzt vorher Dialoge suchen, Diskussionen fördern und empathisch darauf achten, dabei einseitige Meinungen durch Fakten auszudifferenzieren.

5) Claudia Roth, kill your Darlings!
Es ist nicht der erste Skandal, der in die Amtszeit der grünen Kulturstaatsministerin fällt. Die documenta ist mehr oder weniger ein Trümmerfeld.

Claudia Roth hat bei der Eröffnung der Berlinale eine erstaunlich gute Rede gehalten. Leider hat sie zum Schluss voll versagt. Deshalb der Appell direkt an die staatliche Geldgeberin: Claudia Roth, Sie sind extrovertiert, Sie hätten auf die Bühne gehen und charmant mit einer Intervention die Sache entschärfen können. Lassen Sie sich nie wieder von Atmosphären emotional einlullen. Das ist Ihre Schwäche: Glamour zur Berlinale, Kunstfeierei auf der documenta. Aber Kulturpolitik zu machen, bedeutet nicht, strahlend bunte Klamotten auf roten Teppichen zu präsentieren und die Kulturleute zu loben, sondern Kulturpolitik ist harte Arbeit, Schwarzbrot, und viel Wissen um Zusammenhänge und Durchsetzungskraft – nicht zuletzt im eigenen Haus.

»Der Horror setzt sich fort«, haben Sie vergangene Woche im Kulturausschuss des Bundestags erklärt. Da wussten Sie noch nichts von dem antisemitischen Post mit der Parole »Free Palestine – From the River to the Sea«, der über einen Instagram-Kanal der Berlinale verbreitet worden war. (Anmerkung der Redaktion: Der Kanal wurde laut Berlinale-Angaben gehackt, die Posts sofort gelöscht. Das Filmfestival stellte Strafanzeige gegen unbekannt.) Aber haben Sie Daniel Botmann, dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, wirklich zugehört, als er im Kulturausschuss sagte: »Wenn in Kunst und Kultur wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen dem Antisemitismus nicht entschieden und konsequent begegnet wird, werden die sicheren Räume für Juden immer enger, bis sie komplett aus ihnen verdrängt werden«?

6) Klarheit statt Zensur
Das Kunstwerk ist frei. Absolut. Es darf einseitig sein und provozieren. Aber frei ist nicht das falsche und menschenverachtende, Schuldumkehr feiernde Geplapper irgendwelcher ahnungslosen Regisseure oder Darsteller vor einem riesigen internationalen Publikum – und das nach dem Massaker vom 7. Oktober. Solcher Unsinn darf nie wieder in die Welt hinausposaunt werden, vor allem nie wieder aus Berlin.

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