Medien

»Ich bin ein menschlicher Schutzschild«

Die 21-jährige Palästinenserin meldete sich freiwillig zum Rettungsdienst und soll sich um die vielen Verwundeten gekümmert haben. Foto: IDF Spokesperson

Die Hamas nutzt den Tod der 21-jährigen Razan al-Najjar, die am 1. Juni bei einer der zahlreichen Demonstrationen im Gazastreifen am Grenzzaun zu Israel ums Leben kam, für eine groß angelegte PR-Offensive. Auf allen Kanälen präsentieren die regierenden Islamisten die junge Frau als Märtyrerin, als das schöne Gesicht des Widerstands gegen den zionistischen Erbfeind.

Die Ikonografie klappt perfekt. Schließlich hatte sich al-Najjar freiwillig zum Rettungsdienst gemeldet und soll sich geradezu selbstlos um die vielen Verwundeten gekümmert haben. Bereits vor dem 1. Juni waren deshalb zahlreiche internationale Medien auf sie aufmerksam geworden und hatten Berichte über sie veröffentlicht. Fotos und Videos zeigen eine junge Frau mit Kopftuch und resolutem Gesichtsausdruck. Ihr weißer Kittel ist oft vom Blut genau der Menschen befleckt, denen sie gerade zu Hilfe geeilt ist. So auch in dem Moment, als sie während der bewaffneten Proteste einen älteren Mann notversorgt – und dabei von einer Kugel getroffen wird.

Heiligenschein Innerhalb weniger Stunden nach ihrem Tod mutierte die Sanitäterin zum »fürsorglichen Engel von Gaza«, wie sie unter anderem von Ayman Odeh, Fraktionsführer der Vereinten Arabischen Liste in der Knesset, genannt wurde. Im Netz machen seither Bilder die Runde, die sie sogar mit Flügeln und Heiligenschein zeigen. Und die Hamas ließ sofort ordentlich plakatieren. Überall in Gaza tauchten Poster auf, die al-Najjar und Hamas-Chef Ismail Haniyeh gemeinsam zeigen.

Prompt wurde ihre Beerdigung tags darauf zu einer großen Demonstration, wobei man wieder zum Grenzzaun zog und Steine auf israelische Soldaten warf. »Das Erschießen von medizinischem Personal ist laut Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen«, so die Palestinian Medical Relief Society. Und Nikolaj Mladenow, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für den Friedensprozess im Nahen Osten, twitterte sofort: »Sanitäter sind #NotATarget!« Ferner schrieb er: »Israel muss den Einsatz seiner Soldaten überprüfen, und die Hamas soll Vorfälle am Grenzzaun unterbinden.«

Nun hat die Hamas alles andere als ein Interesse daran, die wöchentlichen Demonstrationen gegen Israel zu deckeln. Schließlich organisiert und choreografiert sie diese genau. Auch die bis dato rund 120 Toten auf palästinensischer Seite sind Teil ihres Kalküls – lautet doch die Rechnung: Je größer die Zahl der Märtyrer, desto weiter rücken die Palästinenser wieder nach oben in der internationalen Agenda, wo sie in den vergangenen Monaten eher ein Schattendasein gefristet hatten.

Kritik Dafür braucht man wirkungsvolle Bilder wie das einer toten Sanitäterin. Und Israel gerät automatisch erneut in die Kritik wegen des »unverhältnismäßigen« Einsatzes von Gewalt. Die Armee erklärte daraufhin, den Sachverhalt näher zu untersuchen. »Bei dem Zwischenfall wurde nur eine begrenzte Zahl von Kugeln verschossen, aber kein Schuss war direkt oder absichtlich gegen sie gerichtet«, hieß es in einem ersten Statement. Offensichtlich hatte es sich um einen Querschläger gehandelt.

Al-Najjar selbst sagte noch vor einigen Wochen, sie wolle Leben retten und Menschen in Sicherheit bringen. In einem Interview mit der »New York Times« erklärte al-Najjar kurz vor ihrem Tod: »Ohne Waffen können wir alles erreichen.« Genau dieses Bild einer gewaltlosen Aktivistin mit Florence-Nightingale-Touch ist nun durch neues Videomaterial ins Wanken geraten, das die israelische Armee dieser Tage veröffentlicht hat. Es stammt von dem libanesischen TV-Sender Al Mayadeen und zeigt al-Najjar, wie sie eigenhändig einen Tränengas-Kanister wirft – und zwar mit ihrer weißen Weste, die sie als Sanitäterin zu erkennen gibt.

Darüber hinaus erklärte al-Najjar der Reporterin freimütig: »Ich bin hier an der Front und agiere als menschlicher Schutzschild.« Offensichtlich wurden diese Aufnahmen nicht an jenem Tag gemacht, an dem sie zu Tode kam. »Razan al-Najjar war nicht der Engel der Barmherzigkeit, wie die Hamas sie zu vermarkten versucht«, bringt es der israelische Regierungssprecher Ofir Gendelman auf den Punkt. »Ihr Eingeständnis vor laufender Kamera, dass sie ein Schutzschild für gewalttätige Demonstranten sei, zeigt, wie die Hamas sogar Sanitäter für ihre terroristischen Ziele einspannt.«

Pallywood Mit Fakten allein indes lassen sich einmal in die Welt gesetzte Bilder von Israel als dem Verursacher von Leid und Elend in der Weltöffentlichkeit nur schwer wieder korrigieren. Das wissen auch die Verantwortlichen in Gaza – und können sich die Hände reiben.

Doch die Geschichte von Razan al-Najjar hat noch einen weiteren Twist: Unmittelbar nach ihrem Tod ging das Bild einer israelischen Soldatin namens »Rebecca« viral, die ursprünglich aus Boston in den Vereinigten Staaten stamme, Scharfschützin sei und die palästinensische Sanitäterin gezielt erschossen haben soll. In der Tat hat die heute 24-Jährige bei den israelischen Streitkräften gedient. Nur war sie nie in ihrem Leben Scharfschützin, und zudem liegt ihre Zeit beim Militär bereits mehr als zweieinhalb Jahre zurück.

Trotzdem wird sie nun überall als Mörderin gebrandmarkt. »Als ich mein Smartphone nach dem Schabbat wieder aktivierte, fand ich Hunderte von Nachrichten vor, in denen ich wild beschimpft wurde«, berichtete sie vor einigen Tagen der Online-Zeitung »Times of Israel«. »Auch meine Familie und Freunde wurden bedroht.« »Rebecca« ist dann so etwas wie der Kollateralschaden von Pallywood.

Streaming-Hit

»Nobody Wants This«: Staffel drei startet im Oktober

Diesmal ist auch die Comedienne und Schauspielerin Sarah Silverman beteiligt. Sie verkörpert Rabbinerin Eden

 14.09.2026

Kanada

»Breitscheidplatz 19/12« feiert Weltpremiere in Toronto

Die sechsteilige ARD-Serie erzählt über die Ermittlungen vor dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016

von Manuela Imre  14.09.2026

Gaza/Jerusalem

IDF übt scharfe Kritik an »Naza« und weist Vorwurf zum angeblich genehmigtem Angriff auf 500 Zivilisten zurück

»Die IDF haben niemals einen Angriff geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem erwartet wurde, dass 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele getötet werden«, heißt es von der Armee

 14.09.2026

Medizin

Suchtfrei in nur 20 Minuten

Im Rambam-Krankenhaus in Haifa wurde erstmals eine Schallwellentherapie gegen die Abhängigkeit von Opioiden eingesetzt

von Sivan Ella  13.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  13.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder – und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Kino

Unter einem guten Stern

Jüdische Themen sind im französischen Kino immer wieder sehr gut aufgehoben. Auch »Nur ein kleines bisschen Glück« trifft mit Leichtigkeit mitten ins Herz

 11.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Ins kühle Nass vor den Hohen Feiertagen?

von Katrin Richter  11.09.2026

5787

Nicht so viel fluchen, Spenden verdoppeln

Das neue Jahr soll besser werden. Unsere Autorin listet ihre Vorsätze auf. Eine Glosse

von Adriana Altaras  11.09.2026