Interview

»Ich bin ein Extremist«

Pianist Igor Levit Foto: Robbie Lawrence

Interview

»Ich bin ein Extremist«

Igor Levit über Schostakowitsch, die Erotik der Musik und politisches Engagement von Künstlern

von Ute Cohen  18.12.2017 17:26 Uhr

Herr Levit, vorweg: Ich bin keine Musikwissenschaftlerin. Es wäre wahnwitzig, mit Ihnen über Zwölftonmusik, Schönberg oder bestimmte Partituren zu sprechen.
Kein Problem. Schießen Sie los!

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie der Exzess reizt, das Ausloten aller Sinnesorgane. Rührt daher auch Ihre Begeisterung für Beethoven?
Da wäre ich jetzt vorsichtig. Ja, es reizt mich extrem, Dinge kennenzulernen, ich habe meine Antennen immer weit ausgefahren. Ich komme aber auch an einen Punkt, wo ich es schön finde, kürzerzutreten. Parallelen mit Beethoven würde ich gar nicht ziehen, das fände ich zu gewollt. Das Leben außerhalb des Klavierspielens? »Exzessiv« würde ich nicht sagen; einfach extrem neugierig.

In Bezug auf die Salzburger Festspiele sprachen Sie von Erotik. Die Leiblichkeit der Musik wird selten angesprochen.
In Salzburg ging es ja darum: Schaffen es die – jetzt kommt eines meiner Lieblingswörter – Ermöglicher, ein Festival so zu gestalten, dass es nicht nur ein Abspulen von Programmen ist? Es herrscht dann eine Festspielerotik. Das Hagen-Quartett hat dort Schostakowitsch gespielt in einer Art und Weise ... Ich muss sagen, das war eines der brutalsten und schmerzlichsten, im wahrsten Sinne am schwersten fassbaren Konzerterlebnisse meines Lebens. Ich war danach völlig fertig für eine lange Zeit.

Weshalb?
Wissen Sie, Musik ist schwer greifbar, sie ist nicht haptisch, sie ist frei. Sie gehört weder mir noch Ihnen. Niemand hat Deutungshoheit, und gleichzeitig gehört sie uns allen. Musik ist auch hochleiblich, hocherotisch, anziehend, mitunter auch abstoßend.

Schostakowitsch steht im Zentrum Ihres nächsten Konzerts in der Berliner Philharmonie: 24 Präludien und Fugen. Empfinden Sie eine Spannung zwischen künstlerischem Schaffen und Ihrem politischen Engagement?
Ach, diejenigen, die sich etwas darauf einbilden, politisch zu sein, finde ich genauso langweilig wie diejenigen, die mit großen Gesten behaupten, sie seien es nicht. Es ist für mich vollkommen normal, selbstverständlich, notwendig. Sonst wäre ich ein Idiot, ein selbstgenügsamer Egoist. Ich weiß, woher ich komme, habe ein Auge für meine Mitmenschen und bin einfach sehr, sehr kritisch. Ich bin Bürger, und dann finde ich meine Kanäle, wo ich mich äußere. Digital, aber genauso gut im Realen.

Sind Sie ein extremer Mensch?
Ich bin ein Extremist, ja. Mal mehr und mal weniger. Aber es gibt eine Form von Extremismus, die ich ablehne, sogar für kriminell halte. Es gibt die einen, die den Status quo erhalten wollen und sich im Konzertsaal geschützt fühlen. Für kriminell aber halte ich, wenn Künstler sagen, das klassische Konzert sei eine Totgeburt, man solle nur noch neue Musik spielen. Was soll das? Da sind Menschen im Saal, die sind berührt. Totgeburt? Dann knallen alle Sicherungen bei mir durch. Sei neugierig, das ist meine Devise!

Wie konzipieren Sie eigentlich Ihr Programm?
Ich kreiere keine Programme aus der Dunkelkammer. Ich habe meinen eigenen Kopf, und am Ende muss ich entscheiden. Ich bin beschenkt mit ganz wunderbaren Menschen um mich herum, sowohl im Beruf als auch im Nicht-Beruf, obwohl ich da keine Unterscheidung mache. Programme entstehen aus dem Gespräch heraus. Ich bin niemand, der sagt: Vogel, friss oder stirb! Es interessiert mich, wo und was ich warum spiele.

Ist die Zeit des Dekonstruierens vorbei?
Vorbei ist gar nichts. Solange wir alle noch hier herumwandern und uns keiner einen Atomsprengkopf um die Ohren haut, werden sich Dinge verändern. Musik wird leben, das wird keiner verhindern, und die Freiheit der Interpretation ist grenzenlos. Ich kann das Gefühl der Unkenntlichkeit bei Ihnen provozieren, ich muss es nur wollen. Man trifft einfach Entscheidungen, muss aber auch mit den Konsequenzen leben, aber ich glaube, am Ende zwinge ich Ihnen das auf.

Julian Barnes hat jüngst einen Schostakowitsch-Roman geschrieben, Markus Lüpertz verschreckt mit seiner Beethoven-Bronze die Wiener. Wie stehen Sie zu diesen künstlerischen Deutungen?
Den Barnes habe ich gelesen. Das Buch ist gut, nicht wahnsinnig tief, aber unterhaltsam. Künstlerische Auseinandersetzungen mit Musik finde ich essenziell, alle Deutungen fließen irgendwie mit ein. Musik ist die freieste Kunst, und jeder kann damit ganz eigen umgehen. Je mehr Auseinandersetzungen es gibt, desto besser. Den Lüpertz habe ich nicht gesehen. Darf ich mal? (Er googelt.) Oh, das ist cool. Wahnsinnig toll. Das muss ich mir noch näher anschauen.

Bachs Polyphonie übersetzte Lars von Trier in ein filmisches Triptychon. Orgelpfeifen, ein Leopard mit Opfer im Maul und ekstatische Verzückung. Wie würden Sie Schostakowitsch in Bilder übersetzen?
Ich assoziiere keine Bilder, nur Menschen. Ich sehe dann richtig Gesichter. Es kommen Gespräche wieder, wenn ich spiele. Beinahe ausschließlich. Keine abstrakten Bilder.

Stichwort Thelonious Monk. Was bedeutet Jazz für Sie?
Ich spiele, was ich spiele, weiß, was ich kann und liebe, was ich tue. Punkt. Das ist das Fundament. Unverrückbar. Es ist für mich eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht im Denken, im Spielen. Mehr kann ich dazu jetzt noch nicht sagen. Monk ist für mich einer der größten Komponisten und Musiker des 20. Jahrhunderts. Miles Davis natürlich auch.

Morrissey entdeckt plötzlich seine Liebe zu Israel. Was sagen Sie dazu?
Morrissey ist vollkommen irrelevant für mich, aber es ist essenziell, dass sich Künstler äußern. Es ist nicht schwer, zwischen widerlichem Antisemitismus und politischer Kritik zu unterscheiden, zum Beispiel an Trumps Jerusalem-Entscheidung. Dinge zu benennen, ist nicht so schwierig, auch wenn die Situation problematisch ist. Bestimmte politische Positionen finde ich falsch, und das sage ich auch. Was hier in Berlin bei den Demonstrationen passiert ist, das war brutal, verachtenswert und erschreckend. Politischen Opportunismus, wie rechte Politiker von eingewandertem Antisemitismus reden, als hätte es hier nicht schon einen ganz eigenen Antisemitismus gegeben, finde ich ebenfalls unerträglich.

As time goes by, letzte Frage. Was bedeutet Zeit für Sie?
Zeit ist für mich inzwischen das absolut Wertvollste. Zeit mit Menschen. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade zu wenig von ihr habe, und deshalb werde ich sie mir in Zukunft nehmen. Zeit ist das Einzige, was man uns allen nicht rauben kann. Man versucht es, aber man kann es nicht, auch nicht in unserer beschleunigten Gegenwart. Insofern ist Zeit mit jemandem für mich gerade alles.

Das Interview führte Ute Cohen.

Igor Levit wurde 1987 in Russland geboren. Seine Mutter, eine Opern-Korrepetitorin, unterrichtete ihn von klein auf. Mit vier Jahren gab er sein erstes Solo-Konzert mit einer Ecossaise von Ludwig van Beethoven. Im Alter von sechs Jahren debütierte er mit einem Philharmonie-Orchester. 1995 kamen Igor Levit und seine Familie als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Mittlerweile konzertiert er weltweit. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bescheinigt ihm: »Igor Levit ist einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts.«

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