Osnabrück

»Hoffnung auf mehr Menschlichkeit«

US-Star-Architekt Daniel Libeskind Foto: dpa

Daniel Libeskind besucht am heutigen Sonntag zum 20. Geburtstag des von ihm entworfenen Felix-Nussbaum-Hauses Osnabrück. Das Museum präsentiert rund 200 Bilder des in Osnabrück geborenen und von den Nazis 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum. Liebeskind sieht in dem Bau eine Botschaft für die Zukunft. Nussbaums Geschichte solle andere Menschen berühren, sagt der New Yorker Stararchitekt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Herr Libeskind, das heute vor 20 Jahren eröffnete Nussbaum-Haus in Osnabrück war das erste Gebäude, das nach Ihren Entwürfen fertiggestellt wurde, noch vor dem Jüdischen Museum in Berlin. Was bedeutet es Ihnen?
Das Nussbaum-Museum ist eines meiner besten und liebsten Projekte. Denn es hat in doppelter Hinsicht eine extrem wichtige Botschaft. Es erzählt etwas über die Schoa, die Millionen Menschen getötet hat. Zugleich erzählt es die Geschichte eines einzelnen Menschen, der diesen Holocaust nicht überlebt hat. Es wirft einen Blick auf seinen Glauben, seine Begabung und seinen Untergang. In diesem Sinne ist das Nussbaum-Haus ein sehr bedeutsames kulturelles Projekt. Auch wenn es kleiner ist und weniger bekannt als das Jüdische Museum in Berlin, ist es für mich genauso wichtig.

Die Architektur des Museums soll Nussbaums Leben widerspiegeln. Sie haben es als »Museum ohne Ausgang« konzipiert. Was bedeutet das?
Es gab für Felix Nussbaum keinen Ausweg. Er war dem Tode geweiht, weil er ein Jude war, weil die Nazis an die Macht kamen, weil sie einen Völkermord begangen haben. Nussbaum hatte keine Zukunft. Aber das Museum ist eine Art Botschaft für die Zukunft.

Inwiefern?
Felix Nussbaums Geschichte soll andere Menschen berühren, woher auch immer sie kommen, wer immer sie sind. Seine Geschichte ist auch die seiner Kunst, die über seinen Tod hinaus weiterlebt. Seine Bilder sind eine Warnung und drücken zugleich eine Hoffnung auf mehr Menschlichkeit aus.

Der Besucher geht im Museum oft durch enge aufsteigende oder absteigende Gänge, kann durch die hoch oben liegenden Fenster nicht nach draußen schauen. Welche Empfindungen möchten Sie dadurch wecken?
Ich möchte nicht, dass die Menschen etwas Bestimmtes empfinden. Die Besucher sollen ihre eigenen Gefühle entwickeln. Das Gebäude ist eines mit einem unbestimmten Ausgang. Die Menschen sollen hindurchgehen und ihre eigenen Gedanken entwickeln, ihre eigenen Erfahrungen machen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit und nimmt das Licht, die Proportionen, die verschiedenen Baumaterialien anders wahr.

Sie sind wie Felix Nussbaum Jude. Hat das einen Einfluss auf Ihre Arbeit an diesem Museum gehabt?
Die schrecklichen Jahre der Nazi-Herrschaft sind auch Teil der Geschichte meiner Familie. Ich habe die Geschichte nicht aus Archiven oder Geschichtsbüchern, sondern aus erster Hand erfahren. Der Antrieb für das Nussbaum-Projekt kommt aus meinem Inneren, nicht von außen.

Das Interview führte Martina Schwager.

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 11.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  11.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026