Buch

»Hier muss man laut sein«

»Israelis könne3n nichts wegwerfen«: Katharina Höftmann Foto: Anne Kärst

Frau Höftmann, diese Woche kommt Ihr Buch »Guten Morgen, Tel Aviv! Geschichten aus dem Holy Land« heraus. Wie gut kennen Sie Israel?
Ich war das erste Mal 1997 hier, mit 13 Jahren, zur Zeit der Intifada. Überall standen Leute mit Maschinengewehren herum. Ich fand das seltsam. Gleichzeitig habe ich gespürt, dass dieses Land etwas Besonderes ist. Das zweite Mal kam ich mit meinem israelischen Freund 2005 zu einer Familienfeier. Und seit vorigem Jahr lebe ich in Tel Aviv.

Bücher über Israel gibt es viele.
Stimmt. Hier sind so viele Journalisten, dass man ständig denkt, man sitze am Nabel der Welt. Mancher Sender hat in ganz Afrika zwei Korrespondenten, aber in Israel vier.

Wozu dann noch eines schreiben?
Die meisten Autoren, die ich kenne, sind wieder gegangen. Die kommen für einige Zeit. Ich bin gekommen, um zu bleiben und anders eingebunden. Ich habe eine Familie und treffe Leute, die ich nicht treffen würde, wenn ich als normale ausländische Journalistin hier wäre. Ich finde das Land unfassbar vielseitig, so viele Geschichten gibt es zu erzählen. Und je besser man die Sprache kann, desto mehr Leute lernt man kennen, beispielsweise die russischen Einwanderer, die meist kein Englisch sprechen. Außerdem wollte ich mich von den gängigen Büchern absetzen.

Inwiefern?
Erstens gehöre ich nicht zu denen, die nur für kurze Zeit nach Israel kommen und denken, sie wüssten Bescheid. Das sind nicht nur Journalisten. Es gibt ziemlich viele Leute, die kaum hier waren – manche auch nie – und die meinen, sie könnten beurteilen, wer schuld an den politischen Verwerfungen ist und wer nicht. Was unfassbar obszön ist. Ich lebe hier jetzt seit anderthalb Jahren und weiß, ich habe keine Ahnung. Immer wenn ich denke, ich komme der Sache nahe, höre ich etwas, was mich zum Zweifeln bringt. Außerdem wollte ich bewusst nichts Politisches, nichts Problematisierendes schreiben. Ich habe mit der Zeit festgestellt, dass Israel unfassbar komisch ist. Aber die einzigen komischen Geschichten, die ich kenne, sind von Ephraim Kishon. Sonst ist immer alles Mord und Totschlag.

Auch den Konflikt mit den Arabern haben Sie außen vor gelassen.
Ja. Der scheint nur manchmal durch, zum Beispiel im Kapitel »Philosemitenbus«. Der Nahostkonflikt, das ist so dünnes Eis, da kann man nur einbrechen. Außerdem gibt es dazu wirklich genug Bücher.

Läuft eine humoristische Alltagsbetrachtung nicht Gefahr, oberflächlich zu sein?
Es ist immer eine Gefahr, wenn man sagt, ich mach’ was Kurzweiliges. Aber es gibt in dem Buch auch viele Geschichten, in denen über Dinge berichtet wird, die man in Deutschland vielleicht nicht weiß. Zum Beispiel, dass Israelis Probleme haben, Sachen wegzuwerfen. Ich hoffe, alle Geschichten zusammen liefern einen Gesamteindruck des Landes, der mehr ist als nur kurzweilige Momente. Aber wenn es nicht so ist, ist es auch gut.

Sie sind 27. Hatten Sie keine Angst, als junge, unerfahrene Deutsche dieses Land zu erklären?
Es war nie mein Anspruch, Deutschland zu erklären, wie Israel funktioniert. Das Buch ist aus einem Blog entstanden, in dem ich meine Alltagseindrücke aufgeschrieben habe. Mein Anspruch war, dass am Ende, auch bei schweren Themen, ein Lächeln auf dem Gesicht bleibt. Klar ist die Vorstellung, dass Leute das lesen, beängstigend. Andererseits kann ich nicht bei jedem Satz überlegen: Oh Gott, was kann man falsch verstehen?

In Ihrem Buch erwähnen Sie auch Standardfragen, die einem daheim gestellt werden, wenn man nach Israel geht. Vor allem eine: »Was sagen die zu Dir als Deutsche?«
Mich hat nie jemand gefragt, was mein Opa im Krieg gemacht hat. Aber Standardwitze gab es. Einmal habe ich in der Küche vergessen, den Gasherd auszustellen. Worauf der Mitbewohner meines Freundes meinte: »Die Deutschen vergasen uns wieder.«

Ab wann konnten Sie bei so was mitlachen?
Das ging schnell. Ich neige zu direktem Humor. Den braucht man hier. In Israel überlebt nur, wer laut und direkt ist. Allerdings habe ich da noch immer Nachholbedarf. Für eine Deutsche bin ich schon laut und sehe trotzdem manchmal kein Land.

Dennoch haben Sie sich zum Bleiben entschieden. Und zur Konversion.
Es ist nicht so, dass das plötzlich gekommen ist. Vom Judentum war ich schon fasziniert, bevor ich meinen Freund kennengelernt habe. Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Frage eines Übertritts und hatte Phasen von »Ist ja toll« bis zu »Was für ein Unsinn«. Letztendlich habe ich beschlossen, dass ich Jüdin werden möchte, nicht nur, weil das für meinen Freund eine Bedingung ist, sondern weil ich meine zukünftige Familie in den hiesigen Traditionen führen möchte.

Ihr Buch erscheint auf Deutsch. Sind Sie froh, dass Ihre israelischen Freunde es nicht lesen können?
(lacht) Nein, die wissen, was ich geschrieben habe. Meine Schwiegerfamilie, die oft vorkommt, kennt viele der Geschichten. Insofern muss ich nicht viel Angst haben.

Gegen Ende des Buchs bezeichnen Sie Israel als Freund. Wie steht es momentan um die Beziehung?
Israel war mal jemand, den ich vom Namen kannte. Dann habe ich mich unfassbar verknallt. Als ich hierher zog, hatte ich einen Moment der Wahrheit, war extrem verletzt von der Ungehobeltheit. Das war eine Krise in unserer Beziehung (lacht). Jetzt kann ich das Land lieben für das, was es ist. Ich bekomme viel zurück. Meine Arbeit könnte ich nicht machen, wenn ich nicht hier leben würde. Wir sind in einer gefestigten Beziehung. Und in 30 Jahren sitzen wir auf einer Bank und schauen aufs Wasser, Israel und ich.

Das Gespräch führte Lea Hampel.

Katharina Höftmann: »Guten Morgen, Tel Aviv! Geschichten aus dem Holy Land«, Heyne, München 2011, 208 S., 8,99 €

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