Literatur

Harte Knochen

Literatur

Harte Knochen

In ihrem Romandebüt beschreibt Kristin Rubra eine Liebe zwischen einer Deutschen und einem US-Juden

von Frank Keil  23.06.2024 00:27 Uhr

Sie ist jung, sehr jung. Gerade einmal 17 Jahre alt. Und sie weiß nicht, was ein Pogrom ist oder wer dieser Doktor Mengele war, und auch das Datum 20. April sagt ihr nichts. Was schon etwas seltsam ist, auch irritierend, wenn eine Deutsche einen jungen amerikanischen Juden kennenlernt.

Wir sind im Jahre 1980, in Michigan, USA, an der dortigen Hochschule. Christina vom fernen Niederrhein hat gerade ihr Medizinstudium angefangen, alles ist neu und entsprechend verwirrend. Und da ist inmitten der trubeligen Studentenschaft dieser junge Mann, der in der Cafeteria jobbt, hauptsächlich aber Kunst studiert und seltsam dunkle Bilder malt, die er ihr kurz zeigen wird. Christina und Jamie also, der von seiner Familie auch Benjey oder Benjamin genannt wird, während er selbst auf Jamie beharrt, ein erstes, loses Zeichen, dass hier einer um seinen Platz in der Welt ringt.

Vielleicht sind die beiden aufrichtig ineinander verknallt, vielleicht will man eher Sex, vielleicht ist es die gekonnte Mischung aus beidem; vielleicht auch trägt allein das Jungsein durch die Tage und Wochen, aus denen die nächsten Monate werden. Man hört Santana, man hört immer wieder Billy Joel, auch Neil Young liegt im Kassettenrekorder bereit.

Und wie gesagt: Sie ist Deutsche, er ist amerikanischer Jude, die Vergangenheit und die Geschichte sollen keine Rolle spielen, aber sie spielen eine Rolle, irgendwie und auf untergründige Weise. Erst recht, als Jamie sie mitnimmt auf ein Familienfest, irgendwann ist schließlich der Zeitpunkt gekommen, wo man seiner Familie seine Freundin vorstellt und hofft, dass alles gut geht.

Der Vater sagt zur Freundin seines Sohnes: »Morgen haust du ab!«

Es sieht auch vielversprechend aus, am Anfang, eine munter lockere Gartenparty, und Jamies Vater Leon, freundlich und eloquent, nimmt Christina bei Gelegenheit zur Seite, erzählt ihr kurz vor seinem Einsatz damals im Mai 1945 in Dachau, und er hat ihr zwei Dinge zu sagen: »Morgen haust du ab!« sowie »Und lass meinen Benjamin in Ruhe!«.

Die beiden werden sich wiedersehen, Leon und Christina, symbolische sieben Jahre später, unter komplett anderen Umständen, da liegt Leon vor Christina auf dem OP-Tisch. Sie erkennt ihn sogleich, aus einem zertrümmerten Mercedes geborgen, von der Straße abgekommen, bei Düsseldorf. Nach und nach nähern sie sich an, über die Tage und Wochen im Krankenhaus, dann über die Jahre bei wechselseitigen Besuchen, die zuweilen im Eklat enden.

Und doch keimt immer wieder Hoffnung auf, bei aller Härte in den Begegnungen, harte Knochen sind sie beide: Christina, die als einzige Ärztin und Chirurgin unter ihren machohaften wie latent antisemitischen Ärztekollegen um ihren Platz kämpfen muss, und Leon, der es trotz seines mentalen Panzers wenigstens versucht, sich seinen inneren Gespenstern zu stellen.

Seit Mitte der 90er-Jahre arbeitet die Autorin als Ärztin im Saarland

Keloid ist Kristin Rubras Romandebüt. Bisher hat sie, aufgewachsen in den 60er-Jahren in NRW, einen schmalen Band mit Erzählungen veröffentlicht, der leider längst vergriffen ist: Als ich deutsch wurde. Sie hat in Amerika Medizin ebenso wie Creative Writing studiert, sie ging zurück, um wieder auf Deutsch zu schreiben, seit Mitte der 90er-Jahre arbeitet sie als Ärztin im Saarland.

Und allein das trägt mit dazu bei, dass ihr Roman getragen wird von atmosphärischer Dichte, von mehr als vordergründigem Lokalkolorit. Noch dazu ist das Geschehen äußerst kenntnisreich gestaltet, wunderbar wuchtig geschrieben, temporeich und dialogstark und noch dazu dramaturgisch sehr ausgefeilt und klug aufgebaut. Ein Roman, wie er sein soll, liegt vor uns, bei dem einem die handelnden Personen in Windeseile vertraut werden, als würden sie neben einem sitzen, und man hört ihnen zu; wird Zeuge ihrer Auseinandersetzungen, ihrer brüchigen, gefährdeten Zuneigung

Ein »Keloid« ist übrigens eine Art Hautwucherung; eine Verdickung des Narbengewebes infolge einer Verletzung, die von den Betroffenen oftmals als physisch belastend empfunden wird und nur langwierig behandelbar.

Kristin Rubra: »Keloid – vom überleben und lieben«. Edition Stroux, München 2024, 320 S., 26 €

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Mit drei Jahren spielt er Klavier, mit fünf tritt er öffentlich auf, mit neun interpretiert er Beethoven als Solist mit Orchester

von Imanuel Marcus  26.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schon 200? Happy Birthday, Fotografie!

von Katrin Richter  26.07.2026

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Chicago

Heavy-Metal-Auftritt: William Shatner geht mit 95 auf die Bühne

Mit seiner Gruppe The *uckers hat der jüdische Schauspieler und Musiker auch sein erstes Album aufgenommen. Der Titel: »What the F Is Heavy Metal«

 23.07.2026

Kulturkolumne

Kampf um eine schwarze Puppe

Erinnerungen an einen gar nicht idyllischen Sommerurlaub in Österreich in den 60er-Jahren

von Maria Ossowski  23.07.2026