Konzerte

Große Gefühle

»Eine riesengroße Ehre«: Im Münchner Festspielhaus gaben die Musiker aus Israel und Deutschland am Sonntag zum Auftakt ein Kammerkonzert. Foto: Franziska Burr/ Münchner Philharmoniker

Wenn die Worte fehlen, beginnt die Musik. In diesen Tagen, 80 Jahre nach der Befreiung, gibt es viele Momente der Sprachlosigkeit. Die Musikerinnen und Musiker des Israel Philharmonic Orchestra und der Münchner Philharmoniker füllen das Schweigen mit Konzerten, die tief berühren. Weil hier im Kleinen zelebriert wird, was im Großen so schwerfällt: Zusammenhalt, Empathie, der »Traum vom Frieden«.

So auch der Untertitel des Kammerkonzerts am Sonntag im ausverkauften Festsaal des Münchner Künstlerhauses. Es war der Auftakt einer Reihe, die die Orchestermitglieder bis 11. Mai für Auftritte von München nach Dortmund und Dresden führt.

»Wir atmen zusammen. Schalom!«

An der Violine im Münchner Künstlerhaus Saida Bar-Lev, Stellvertretende Konzertmeisterin des Israel Philharmonic Orchestra. Das, was die drei deutschen und drei israelischen Musikerinnen und Musiker an diesem Vormittag gemeinsam auf der Bühne servieren, sei keine leichte Kost, eher »ein Hauptgang nach dem anderen«, meint Bar-Lev. Sehr intensiv. Doch: »Wir atmen zusammen. Schalom!« Tatsächlich ist es den Musikern geglückt, eine Mischung zu finden, die die unterschiedlichen Gefühle spiegelt, die mit der Befreiung vom nationalsozialistischen Terror vor 80 Jahren einhergehen.

80 Jahre nach der Befreiung gibt es viele Momente der Sprachlosigkeit.

Tiefe Trauer, Schmerz und Angst tönen aus Ilse Fromm-Michaels »Musica larga« für Klarinette und Streicher (1944); dann wieder unheimliche Freude, Lebenslust und Wucht aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Streichquartett D-Dur op. 44 Nr. 1 (1838). Verzweiflung, Niedergeschlagenheit aus Viktor Ullmanns Streichquartett Nr. 3 op. 46 (1943), ehe Dmitrij Schostakowitschs Klavierquintett g-Moll op. 57 (1940) wieder Zuversicht und Hoffnung schenkt.

»Musik ist die einzige universelle Sprache, die uns verbindet. Sie stützt uns«, beschreibt Saida Bar-Lev, was an diesem Vormittag wohl alle spüren. Die Energie, die Bar-Lev, Alexandra Gruber (Klarinette), Alexander Möck (Violine), Amir van der Hal (Viola), Thomas Ruge (Violoncello) und Paul Rivinius (Klavier) gemeinsam erzeugen, kommt von Herzen. Gegenseitig beflügeln sie einander, reißen mit, wühlen auf. Gedanken entstehen: Was der Mensch erschaffen kann. Was der Mensch zerstören kann. Fragiles Glück. »Wir leben in sehr extremen Zeiten – wie die Komponisten damals. Das zeigt, wie wichtig es ist, in jeder Zeit weiter zu musizieren, zu schreiben, zu malen, zu tanzen«, sagt Saida Bar-Lev.

Gegen Sparen an der Kultur

Genau deshalb dürfe jetzt nicht an Kultur gespart werden, betont auch Alexandra Gruber. »Die Kunst, die Kultur sind das, was uns im Innersten zusammenhält. Einen jeden für sich – und die Gemeinschaft.« Für sie als Musikerinnen der beiden Orchester sei es »eine riesengroße Ehre«, gemeinsam spielen zu dürfen. »Das, was wir auf der Bühne tun, könnte ein Beispiel dafür sein, wie Frieden möglich ist. Diese Brücken, die bestehen, muss man pflegen, immer wieder neuen Mörtel hineingeben, damit nichts bröckelt«, unterstreicht sie.

Vieles aus ihrer Arbeit als Musiker sei übertragbar auf das Funktionieren einer Gemeinschaft. Am wichtigsten vielleicht: die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen. »Das müssen wir in einem Orchester immerzu«, erzählt Gruber. »Jeder spielt seine Version vor, man hört einander zu, respektiert die Ideen des anderen – und findet eine gemeinsame Lösung. In meinem bisherigen Berufsleben habe ich es noch nie erlebt, dass das nicht geglückt ist und jeder einfach für sich seinen Stiefel gespielt hätte. Man findet immer einen gemeinsamen Weg.« Dazu müsse man allerdings bereit sein, ein bisschen zurückzustecken. »Ganz so wie im richtigen Leben.«

»Musik ist die einzige universelle Sprache, die uns verbindet.«

Saida Bar-Lev

Sie durfte schon häufiger mit dem Israel Philharmonic Orchestra spielen. Zum ersten Mal 1995, beim »Requiem der Versöhnung«, das Komponisten aus 15 teils verfeindeten Nationen geschrieben haben. Mit Gänsehaut erinnert sich die Klarinettistin an die Aufführung in der Stuttgarter Liederhalle. Sie mittendrin – genau wie Saida Bar-Lev. »Bei der Vorbereitung auf das heutige Konzert sind wir darauf gekommen, dass wir damals das erste Mal gemeinsam auf der Bühne musiziert haben«, erzählt sie strahlend. »Ich gebe einfach nicht diesen Glauben auf, dass Musik und Kunst den Zusammenhalt stärken.« Musik, das sei ein »Seelengesundmacher«.

Wenn es dann noch Werke von Menschen wie Ilse Fromm-Michaels (1888–1986) sind, weiten sich Horizonte. Wie Fromm-Michaels die Jahre des Grauens erlebt hat, in denen ihr Mann entlassen, sie selbst vom Konzertleben ausgeschlossen wurde, kann man nachlesen. Wer ihre Musik hört, der empfindet die Erfahrungen der Komponistin nach. Wenn die Worte fehlen? Beginnt die Musik.

Konzerte zum Tag der Befreiung:
Donnerstag, 8. Mai, 19.30 Uhr, Münchner Isarphilharmonie. Übertragung am 8. Mai ab 20.03 Uhr auf BR Klassik sowie MDR Klassik, NDR Kultur und radio3
Freitag, 9. Mai, 18 Uhr, Kreuzkirche Dresden
Samstag, 10. Mai, 19.30 Uhr
Sonntag, 11. Mai, 16 Uhr, Konzerthaus Dortmund

Programm

Lebenswille, musikalische Soiree und Fußball unterm Hakenkreuz: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 14. Mai bis zum 21. Mai

 19.05.2026

Analyse

Warum Israel beim ESC so erfolgreich war

Gegen Israels Teilnahme am ESC gab es viele Proteste, doch die Zuschauer stimmten am Ende überaus oft für den Beitrag ab. Wie passt das zusammen? Eine Analyse zum Voting-System, zur Werbung und dem Beitrag selbst

von Daniel Zander  19.05.2026

Kultur

Wer ist »Michelle«? Das Geheimnis hinter Israels ESC-Song

Noam Bettans Lied klingt wie eine Trennungsgeschichte – doch viele interpretieren den Text anders: Als die komplizierte Beziehung des jüdischen Volkes zu Europa

von Sabine Brandes  19.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  19.05.2026

Berlin/Paris

Berliner Fotograf dokumentiert Pariser Juden-Deportation

Lange Zeit unbekannte Fotos zeigen, wie Pariser Juden 1941 ahnungslos einer Vorladung folgten – und in den Abgrund geführt wurden. Was der Harry Croner dabei dokumentierte

 19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Ehrung ohne Preisträgerin

Nach Knieverletzung: Barbra Streisand sagt Cannes-Besuch ab

In Frankreich wollte sie die Ehrenpalme entgegennehmen. Nun hört die Sängerin und Schauspielerin aber auf ihre Ärzte. Das Filmfestival will die Ikone trotzdem ehren

 18.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  18.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026