Wuligers Woche

Geständnisse eines Rezensenten

Als Literaturredakteur muss man nicht nur missratene Bücher ertragen, sondern auch ihre häufig narzisstisch gestörten Verfasser. Foto: Thinkstock

Es gab eine Zeit, da war ich regelrecht biblioman. Stundenlang stöberte ich in Buchhandlungen, gab mehr für Literatur als für Essen und Kleidung aus, las fünf, sechs Bücher in der Woche. In meiner Wohnung stapelten sich die Bände. Buchmessenbesuche versetzten mich in einen regelrechten Rausch.

Wie bei vielen anderen Süchten auch, half dagegen eine Aversionstherapie. Ich wurde Literaturredakteur der Jüdischen Allgemeinen. Seither habe ich eine gesunde Abneigung gegen alle Arten von Druckwerken. Nichts kann einem das Lesen mehr verleiden, als wenn man dazu gezwungen ist. Mir geht es da wie Prostituierten, die, wenn sie nicht dafür bezahlt werden, wenig Lust auf Sex haben.

Fernsehserien Das liegt zunächst einmal an der Literatur selbst. Wenn man sich tagsüber durch Dutzende schlecht geschriebener, miserabel lektorierter und katastrophal übersetzter Bücher gequält hat, schaut man abends lieber Fernsehserien, als sich noch mehr Lektüre anzutun. Und das ist längst noch nicht das Schlimmste an dem Job. Denn als Literaturredakteur muss man nicht nur missratene Bücher ertragen, sondern auch ihre Verfasser.

Autoren sind von Natur aus narzisstisch gestört. Sonst würden sie nützlichen Tätigkeiten nachgehen, als Konditor oder Klempner etwa, statt mit Selbstverfasstem zwanghaft die Aufmerksamkeit der Umwelt zu suchen.

Jüdische Autoren sind dabei nicht schlimmer als andere. Es gibt nur, erstens, prozentual mehr davon. Zweitens ist die jüdische Gemeinschaft hierzulande klein, man kennt sich weitläufig. Weshalb vor Buchmessen die Mails von Bücherschreibern im Stundentakt auflaufen: »Ihr werdet doch sicher mein neues Buch besprechen?« Erwartet wird selbstverständlich ein Ja. Verfängt das nicht, begeben die Verfasser sich auf den Marsch durch die Institutionen. Gemeindevorstände werden aktiviert, die beim Zentralrat Druck machen. Der gibt, sichtlich genervt, das Ansinnen weiter an den Chefredakteur, der, noch genervter, den Literaturredakteur anweist, ihm diese Plage qua Besprechung vom Leib zu halten.

klagen Wobei eine schlichte Rezension natürlich nicht genügt. Es muss eine Lobeshymne werden. Sonst wird der Verfasser böse. Wehe gar, man verreißt sein Werk. Für eine jüdische Zeitung gilt bei jüdischen Autoren – nach deren Ansicht jedenfalls – die Mizwa Ahavat Jisrael, das Gebot der unbedingten Solidarität. Wer als Rezensent dagegen verstößt, ist, ich zitiere einen wütenden Bücherschreiber, »nicht besser als die Judenräte, die während der Schoa mit den Nazis kollaborierten«.

Verleumdungsklagen werden angedroht oder Beschwerden beim Zentralrat (siehe oben). Die Mindeststrafe ist die soziale Ächtung. Ich kenne einen Autor, der wegen einer unliebsamen Rezension vor 30 Jahren seither nicht mehr mit mir redet. Nicht einmal mein »Chatima Tova« beim Jom-Kippur-Gottesdienst würdigt er einer Reaktion.

Zum Glück bin ich inzwischen im Ruhestand. Mit Büchern und Autoren müssen andere sich jetzt rumärgern. Ich schreibe nur noch. Gerade ist meine erste fiktionale Kurzgeschichte herausgekommen. Apropos: Wieso ist die im Blatt nicht rezensiert worden? Das wird Konsequenzen haben!

Film

Serienhit geht weiter: Warum will jeder »Nobody Wants This«?

Eine freizügige Sex-Podcasterin und ein charmanter Rabbiner verlieben sich. Ihre Geschichte ist ein gelungener Gegenentwurf zu klischeehaften Rom-Coms. So geht die Erfolgsserie weiter

von Simone Andrea Mayer  23.10.2026

Berlin

Wenn Wolf Biermann den roten Bademantel trägt

Die Stasi wollte den Liedermacher zum Alkoholmissbrauch verleiten und seine Beziehungen zerstören. Ein Film zeigt, wie er das überstand - und was er mit fast 90 macht: Kraulen in der Ostsee zum Beispiel

von Lisa Forster, Sven Gösmann  23.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  22.10.2026

Berlin

Igor Levit spricht über eigenes Label

Der Starpianist will andere Künstler unterstützen

 22.10.2026

Bildung

»Wir müssen investieren«

Der Präsident der Bar-Ilan-Universität, Arie Zaban, über Wissenschaft in politischen Krisenzeiten und deutsch-israelische Zusammenarbeit

von Gabriele Hermani  22.10.2026

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Mirjam Zadoff

Leiterin verlässt NS-Dokuzentrum München

Die Innsbruckerin geht zum 1. März 2027 ans Haus der Geschichte Österreich in Wien

 21.10.2026