Interview

Fünf Minuten mit …

»Da musste etwas raus«: Bloggerin Juna Grossmann Foto: Ralf Steeg

Frau Grossmann, Sie bloggen selbst schon seit Jahren. Für Ihren Vortrag auf der Berliner Digitalkonferenz re:publica vergangene Woche haben Sie sich die deutsch-jüdische Blogosphäre genauer angesehen. Was haben Sie entdeckt?
Es gibt nicht viele deutsch-jüdische Blogs. In meinem Vortrag hatte ich mich auf solche Websites konzentriert, in denen jüdisches Leben in Deutschland explizit thematisiert wird: Was passiert hier, welche Alltagsprobleme gibt es, wer wird wo der nächste Rabbiner, und so weiter. Dann gibt es noch die rein politischen Blogs, die über deutsche Politik und das israelisch-palästinensische Verhältnis schreiben.

Ihr eigener Blog heißt »Irgendwie jüdisch«. Worum geht es da?

Da geht es um gemischte Themen. Um Bücher, die Jüdische Gemeinde zu Berlin, mein buntes Judentum, um das Verstecken von Identität und um Antisemitismus. Zurzeit schreibe ich besonders oft über Gedenk- und Museumsthemen. Ich blogge so, wie es in den Anfangstagen üblich war: ohne Strategie und über das, was mich gerade bewegt, ohne festen Rhythmus. Ich kann wochenlang nichts schreiben und dann wieder drei Artikel an einem einzigen Tag.

Was hat Sie angetrieben, mit dem Bloggen anzufangen?
Ich komme aus Ostberlin und bin in keinerlei jüdischen Strukturen aufgewachsen. Das hat sich erst entwickelt, als ich erwachsen wurde. Lange Zeit kam ich mir vor wie zwischen allen Stühlen, so entstand auch der Name des Blogs: »Irgendwie jüdisch«. Ich bin eine liberale Jüdin und habe mich verpflichtet gefühlt, das zu thematisieren. Es gibt eine so tolle Tradition des liberal-religiösen Judentums, die leider durch die Nazis unterbrochen wurde. Aber sie ist Teil unserer Geschichte, und sie ist unglaublich spannend.

In Ihrem Vortrag haben Sie thematisiert, dass Sie vor einem Jahr verstärkt über die Rolle deutsch-jüdischer Öffentlichkeit nachgedacht haben. Was war da los?
Ich habe das Gefühl, dass wir auf einem Vulkan leben, wie es der Publizist Chajm Guski ausdrückt. Die Demonstrationsrouten der pro-palästinensischen Gaza-Demos vor einem Jahr gingen direkt an Gemeinden und Synagogen vorbei. Es wurde »Jude, Jude, feiges Schwein« gerufen. Da ging es nicht um Israel, da ging es direkt um uns. Und das lief über Wochen. Ich hatte mir gedacht: Da musste etwas raus, und das geht am besten über meinen Blog. In dieser Zuspitzung ist das Thema zwar mittlerweile durch, es gibt aber weiterhin eine permanente Grundanspannung. Viele Menschen hassen mehr und sind weniger entspannt. Ich weiß nicht genau, was das ist.

Sie meinten auch, dass Blogs das Bild, das im Internet vom Judentum vermittelt wird, korrigieren können. Sie haben etwa einen Screenshot der Google-Bildersuche gezeigt: Beim Suchwort »Juden« wurden entweder Fotos von Charedim oder Bilder der Verfolgung im Dritten Reich gezeigt …
Ja, mehr Bilder kommen da meist nicht. Aber das Judentum besteht doch aus viel mehr. Blogs können gut zeigen, welche größeren und kleineren alltäglichen Probleme wir Juden haben, und dass die Unterschiede zur Mehrheitsgesellschaft nicht immer wahnsinnig groß sind. Wir müssen uns vielleicht nicht überlegen, wie wir dieses Jahr die Ostereier anmalen, dafür aber, woher wir die Mazze für Pessach bekommen.

Warum sind Ihrer Meinung nach gerade Blogs geeignet, um deutsch-jüdischen Positionen im Internet eine Stimme zu verleihen?
Wir Bloggerinnen und Blogger sind freier, keiner kontrolliert uns. Deswegen können wir Dinge ansprechen und Fragen aufwerfen, die man vielleicht als Gemeinde oder als Zentralrat nicht so einfach thematisieren kann. Die sind immer mit bestimmten Erwartungen konfrontiert. Es gibt nicht viele Stimmen in der deutsch-jüdischen Blogosphäre. Aber sie sind da, und es lohnt sich, die Blogs zu lesen.

Mit der Bloggerin sprach Stefan Mey.
www.irgendwiejuedisch.com

Interview

»Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns leben lassen«

Die Schoa-Überlebende Eva Erben und der TV-Moderator Günther Jauch sind seit Langem befreundet. Unser Reporter Michael Thaidigsmann hat Erben in Israel besucht und mit beiden gesprochen

von Michael Thaidigsmann  26.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026