Sehen!

»Fritz Bauers Erbe«

Michael Cohen mit seiner Mutter Judy Meisel Foto: Naked Eye Filmproduktion

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Solche alten Binsenweisheiten erhalten jedoch einen unangenehmen Beigeschmack, wenn es um die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen geht. »Warum haben sie so lange gewartet?«, fragt denn auch zu Beginn von Fritz Bauers Erbe – Gerechtigkeit verjährt nicht die hochbetagte Judy Meisel aus Minneapolis.

Wie die Israelin Roza Bloch hat auch sie als junges Mädchen das KZ Stutthof in der Nähe von Danzig überlebt. Nun sind sie beide Nebenklägerinnen in Strafprozessen gegen ehemalige Wachleute des Konzentrationslagers, die ebenfalls über 90 Jahre alt sind.

problematik Und damit ist der Dokumentarfilm auch schon mittendrin in der Problematik. Er geht den Fragen nach, wieso es Jahrzehnte dauern sollte, bis NS-Verbrecher sich endlich vor Gericht verantworten müssen, und weshalb es sinnvoll ist, auch heute noch Prozesse wie die gegen zwei greise Wachleute aus Stutthof zu führen.

Dabei fällt immer wieder der Name Fritz Bauer, der legendäre Generalstaatsanwalt, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse möglich gemacht hat. »Er war die Persönlichkeit, ohne die einige der Prozesse gar nicht ins Laufen gekommen wären«, bringt es An­drea Löw, Professorin am Institut für Zeitgeschichte, auf den Punkt.

Für Bauer war schon die Tatsache, dass eine Person eine Funktion in der Vernichtungsmaschinerie hatte, Grund genug, ihn oder sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Für Bauer war schon die Tatsache, dass eine Person eine Funktion in der Vernichtungsmaschinerie hatte, Grund genug, ihn oder sie zur Rechenschaft zu ziehen. Die Justiz sah das aber anders, forderte den Nachweis einer ganz konkreten Tat, in der Fachsprache »Einzeltatnachweis« genannt. Daran waren Verfahren gegen ehemalige Wachmannschaften in den Lagern immer wieder gescheitert.

john demjanjuk Erst die Prozesse gegen Mounir al-Motassadeq, einen der Helfer der Attentäter vom 11. September 2001, sowie gegen den ukrainischen früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk sollten die alte Rechtspraxis infrage stellen, weshalb man letztlich der Auffassung Bauers folgte.

Auch wenn wie im Fall des ehemaligen SS-Mannes Bruno Dey nur Bewährungsstrafen verhängt wurden, so ist es für Überlebende wie Roza Bloch eine Genugtuung zu erleben, dass ein deutsches Gericht ihn schuldig gesprochen hat. Fritz Bauers Erbe ist nicht nur deshalb ein beeindruckender Dokumentarfilm über die wahrscheinlich letzten NS-Prozesse.

Zugleich meistern seine Macherinnen mit Bravour die Mammutaufgabe, ein derart komplexes Thema wie die sich verändernde Rechtsauffassung im Umgang mit NS-Verbrechern umfassend und spannend zu verhandeln.

Der Film läuft ab dem 2. Februar im Kino.

Zahl der Woche

615,5 Kilo

Fun Facts und Wissenswertes

von Katrin Richter  15.03.2026

Geheimnisse und Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 15.03.2026

Jürgen Habermas

Die Macht des Arguments

Meisterdenker und öffentlicher Intellektueller – in beiden Rollen höchstes Ansehen zu genießen, gelingt nur wenigen. Jürgen Habermas war einer von ihnen. Nun ist der Philosoph mit 96 Jahren gestorben.

von Sandra Trauner  14.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Academy Awards

Zwei große Favoriten und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an – und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen

von Marius Nobach  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026