Sachsenhausen

Fotografisches Gedächnis

Walter Clade geht das enge Treppenhaus des Turms A im früheren KZ Sachsenhausen hinauf. Der Geruch von altem Desinfektionsmittel steigt ihm in die Nase. Oben angekommen, packt er seine gesamte Kameratechnik aus. Ein Panoramafoto will der 48-Jährige machen. Vom Turm aus, wo die Scharfschützen der SS standen. Von wo aus sie das ganze KZ überwachten, auf Menschen schossen.

stiefel Walter Clade ist ein ziemlich kräftiger Mann, nicht sehr groß, mit gesundem rötlichen Teint und angenehmem weichen Pfälzer Tonfall. Im Hauptberuf ist er Gewerkschaftssekretär, doch zurzeit lebt er von Rente: Wegen eines chronischen Leidens ist er schon über ein Jahr lang krank geschrieben.

Fünf Mal bereits war Clade mit seiner Kameraausrüstung in der Gedenkstätte. Er nimmt teil am Kurs »Fotografie und Erinnerung – Sachsenhausen« der Berliner Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg. Während seiner Krankheit unternimmt er viel. »Aber speziell das Thema Sachsenhausen hat mich gepackt«, sagt er, »es ist quasi zu meinem eigenen Projekt geworden.« Dann fügt er hinzu: »Warum mich das so beschäftigt, weiß ich nicht.«

täter Heute ist Clade wieder auf dem Gelände. Walter Clade trägt gefütterte Wanderschuhe, dazu dicke Jeans. »Manchmal klettere ich ja rum«, begründet er die Wahl seiner Kleidung, »oder ich gehe da hin, wo alles zugewachsen ist.«

Nach einer Stunde hat Clade sein Panoramafoto im Kasten. Vom Turm A aus kann man fast das gesamte Lager überblicken. Die Baracken stehen wie aufgefächert davor. Es ist die Täterperspektive, die Clade mit seiner Kamera einfangen will. Auf dem Foto ist aber nicht die Schusslinie zu sehen. Eine Mauer, in die Kreuze eingearbeitet sind, verstellt den Blick. Das gehört zur Gedenkstättenarchitektur der DDR. »Wir machen das anders«, erklärt Gedenkstättenmitarbeiter Horst Seferens die neue Konzeption. Die Mauer werde bald abgerissen. »Wir wollen zurück zum historischen Ort.«

Clade hört dem Historiker aufmerksam zu. »Die Bilder, die ich jetzt mache, wird es bald so nicht mehr geben«, sagt Clade. »Nur die Fotografie kann dieses Gedenken bewahren.« Gerade jetzt, wenn die Zeitzeugen, die das Grauen überlebt haben, sterben, sei seine Arbeit wichtig. »Vielleicht ist das, was wir machen, eine Art des Erhaltens.«

kiesel Clade geht mit seiner Kameraausrüstung über das Gelände, Kiesel knirschen unter seinen Stiefeln. Bei einem riesigen Kreuz bleibt er stehen. Es wurde für zwei katholische Priester aufgestellt, die nach 1945, im sowjetischen Speziallager, das auf dem Gelände von Sachsenhausen stand, umgekommen sind. »Das ist doch unmöglich«, regt sich Clade auf. »Um alle anderen, die da gestorben sind, kümmert sich niemand, nur um die zwei Priester.«

Von diesem Kreuz hat er schon mal ein Foto gemacht und es im Kurs gezeigt. Die Kollegen dort hatten es aussortiert. »Die Geschichte, dass hier zwei Katholiken gesondert geehrt werden, erzählst du uns jetzt«, hatte man ihm gesagt, »aber das Foto erzählt sie nicht.«

Mit ihren Arbeiten gehen die Teilnehmer des Kurses »Sachsenhausen« kritisch um. Sie treffen sich im Gebäude der Volkshochschule in Kreuzberg. Verschmierte Tische überall, auf der Tafel noch Notizen aus dem vorherigen Kurs. Acht Teilnehmer sind es heute. Mit den Dozenten Sibylle Hoffmann und Thomas Michalak gehen sie von Tisch zu Tisch, sehen sich die Bilder an, sprechen darüber, stellen Fragen und äußern Kritik.

Drei »Sachsenhausen«-Kurse hat Thomas Michalak schon an der Kreuzberger Volkshochschule durchgeführt. Enormes Wissen hat sich der 50-jährige Fotograf und Dozent in diesen Jahren angeeignet. Michalak erklärt dem Kurs, dass die meisten Exponate in den KZ-Gedenkstätten keine Originale seien.

verfall »Was ist daran schlimm?«, fragt ein Teilnehmer. Schließlich müssten die Gedenkstätten ja die Erinnerung bewahren, auch dann, wenn Draht verrostet und Holz verfault. »Ich bin da völlig unschlüssig«, mischt sich Walter Clade ein. »Baut man das Lager wieder auf? Oder lässt man es verfallen?« Michalak entgegnet: »Du musst das fotografieren, was dir am Herzen liegt.« In dieser Hinsicht hat sich Clade längst entschieden. Gerade, weil alles verfallen kann, hält er es mit seiner Kamera fest.

Vor fünf Jahren kam Sibylle Hoffmann zu dem »Sachsenhausen«-Kurs. Die 62-Jährige ist seit Langem Dozentin der Kreuzberger Volkshochschule, deren Fotoklassen einen guten Ruf haben, weit über Berlin hinaus. »Die Arbeiten haben sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert«, sagt Hoffmann. »Das hängt mit der Entwicklung des Mediums zusammen.« Mittlerweile werde etwa bei dokumentarischer Fotografie wieder mehr mit Farbe gearbeitet. Das galt vor zehn Jahren noch als unpassend.

Thomas Michalak formuliert das Anliegen seines Kurses so: »Jeder Teilnehmer soll seine ganz persönliche Geschichte erzählen.« Die Frage, die er dem Kurs stellt, lautet: »Wie kann man einen persönlichen Zugang finden, der so nicht in den Geschichtslehrbüchern steht?«

empathie Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Ein Fotograf aus den Niederlanden etwa will den »Versuch der Empathie« unternehmen, wie er sagt: den täglichen Fußweg nach Oranienburg zur Zwangsarbeit so zeigen, wie ihn die Häftlinge gesehen haben: unscharf, gehetzt, Perspektiven verbauend. Bei einer anderen Teilnehmerin ist immer eine Mauer zu sehen, gleichgültig, welches Motiv sie gewählt hat. Gerade das charakterisiert ja das Lager: dass es begrenzt ist, dass niemand hinaus kann. Eine andere Frau hat die besondere Mimik der Besucher eingefangen, etwa, wenn sie am ehemaligen Erschießungsgraben stehen.

Walter Clade hat bereits neue Pläne. Er will dokumentieren, wie die Jahreszeiten die Gedenkstätte verändern. Wenn Schnee fällt oder die Bäume kein Laub mehr tragen, wirkt das Lager anders. Das ist ihm wichtig. Um der Erinnerung willen.

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