Rezension

Fortsetzung eines politischen Tagebuchs

Der israelische Historiker Saul Friedländer bei seiner Rede zur Gedenstunde an die Opfer des Nationalsozialismus 2019 im Bundestag Foto: imago

»In der israelischen Bevölkerung finden sich viele bewundernswerte Menschen, aber ihre politische Führung und ein Großteil ihrer Institutionen befinden sich seit vielen Monaten in einem Zustand der Zersetzung, sicherlich seit den letzten Wahlen im Dezember 2022, die die derzeitige Koalition an die Macht brachten. Viele von uns hoffen, dass die Abrechnung nach dem Krieg erbarmungslos sein wird.«

Nur wenige Tage nach dem 7. Oktober schreibt Saul Friedländer diese Sätze in sein Tagebuch. Wie die meisten Israelis hat der genozidale Angriff der Hamas den 91-jährigen Historiker vollkommen überrascht. Auch Friedländer ist enorm wütend auf die eigene Regierung, weil es ihr trotz der massiven Überlegenheit des israelischen Sicherheitsapparates und trotz diverser Vorab-Warnungen nicht gelungen war, ein Ereignis wie den 7. Oktober zu verhindern.

 Mit Israel im Krieg hat Friedländer nun eine Fortsetzung seines politischen Tagebuchs Blick in den Abgrund veröffentlicht. Standen damals noch die undemokratische »Justizreform« und der breite gesellschaftliche und politische Kampf im Vordergrund, sind es nun vor allem die großen Linien der politischen Entwicklungen nach dem 7. Oktober. Friedländer thematisiert hier vor allem die Frage nach den Zielen und Strategien Israels im Krieg gegen die Hamas. Ein weiterer zentraler Strang ist die Rolle der internationalen Diplomatie mit den USA als zentralem, aber kritischen Verbündeten Israels. Friedländers Tagebuch endet im Mai.

Benjamin Netanjahu und seine radikalen Koalitionspartner kommen auch in Israel im Krieg nicht gut weg. Wie schon in Blick in den Abgrund schlägt Friedländer einen sehr scharfen Ton an: »Leider gibt es in der heutigen israelischen Politik mehr als nur einen Verrückten«, schreibt er an einer Stelle. Mit den Abraham Abkommen etwa werden Netanjahus Verdienste zwar durchaus benannt und gewürdigt. Doch insgesamt ist für Friedländer klar: Der langjährige Premierminister muss weg, weil er sein eigenes politisches Überleben weiterhin über das Wohlergehen, die Sicherheit und das internationale Ansehen Israels stelle.

Konflikte und Reibereien im israelischen Kriegskabinett

Immer auch ein wenig hoffnungsvoll schildert Friedländer daher die Konflikte und Reibereien im israelischen Kriegskabinett. Wohlwollend berichtet er über die Proteste für die Freilassung der Geiseln, einen Waffenstillstand oder für Neuwahlen und hebt die Bedeutung der Organisationen und Netzwerke der israelischen Zivilgesellschaft hervor, die unmittelbar nach dem 7. Oktober an Ort und Stelle waren, als sich der Staat und seine Institutionen als vollkommen überfordert zeigten. Ebenfalls mit deutlichen Worten thematisiert Friedländer die Gewalt durch radikale jüdische Siedler im Westjordanland.

Insgesamt gelingt es Friedländer aber nicht, ein lebhaftes Bild von der Stimmung in Israel zu vermitteln. Schon Blick in den Abgrund las sich über weite Strecken wie eine Aneinanderreihung von knapp kommentierten Agentur- und Zeitungsmeldungen. Im Kontext der damaligen Auseinandersetzung um die »Justizreform« hatte dieser Stil noch eine dramaturgische Spannung erzeugt: Wann wird es der Bürgerbewegung endlich gelingen, den illiberalen Staats- und Gesellschaftsumbau zu stoppen und möglicherweise sogar »König Bibi« zu Fall zu bringen?

Friedländers Vision für die Zeit nach dem 7. Oktober ist allerdings nur wenig greifbar. Seine Argumente für eine grob skizzierte Zweistaatenlösung sind als moralischer Appell im Prinzip absolut überzeugend. Doch wie die Chancen für die gesellschaftliche Verankerung und vor allem politische Umsetzung einer solchen Lösung stehen, thematisiert der Historiker kaum. Eine weitere Leerstelle ist die vollständige Auslassung des Krieges gegen die Hisbollah. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen und der jüngsten militärischen Erfolge Israels hinterlässt Saul Friedländers politisches Tagebuch leider einen unbefriedigenden Eindruck.

Saul Friedländer: »Israel im Krieg«, C.H.Beck, München 2024, 204 S., 24 €

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