Erfurt

Figur im Dom hat jüdische Herkunft

Die Wolfram-Figur im Erfurter Dom Foto: dpa

Wissenschaftler vermelden überraschende Erkenntnisse zur Herkunft einer Figur im katholischen Erfurter Dom. Die von einem Wolfram gestiftete lebensgroße Bronzestatue habe vermutlich eine jüdische Vorgeschichte, teilte die Universität Erfurt am Freitag mit.

Zu diesem Schluss sei eine Arbeitsgruppe des Max-Weber-Kollegs der Universität gekommen. Welche Person im Hochmittelalter mit der sogenannten Wolfram-Figur dargestellt wurde, sei lange unklar gewesen. Die Forscher hätten nun in jüdischen Handschriften eine Antwort gefunden.

Reflex In einer in Erfurt kurz vor 1300 entstandenen Schrift werde Aaron in gleicher Körperhaltung dargestellt, hieß es. Dabei handele es sich möglicherweise um einen Reflex auf eine Figur, die einmal tatsächlich in der Alten Synagoge stand. Nach dieser Hypothese sei die Aaron-Skulptur von der jüdischen Gemeinde oder in Absprache mit ihr von einem Stifter in Auftrag gegeben worden. Diese Figur habe in der Synagoge als Träger der großen Thorarollen gedient.

»Es ist schade, dass ich von dieser Hypothese über das Internet und nicht von den Wissenschaftlern erfahren habe«, reagierte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Erfurt, Reinhard Schramm, auf die mögliche Sensation. »Wenn es stimmt, was da als Hypothese im Raum steht, ist der Leuchter Eigentum der Jüdischen Gemeinde«, sagte Schramm der Jüdischen Allgemeinen. Er spricht von dem Aaron-Leuchter noch mit großer Vorsicht.

Sollte es beim Wolfram alias Aaron einen Zusammenhang mit dem Pogrom von 1349 geben, werde er Bischof Ulrich Neymeyr um die Übertragung des Eigentums an die jüdische Gemeinde bitten. »Wenn es nicht mit irgendeinem Handel, sondern mit einem Verbrechen in Zusammenhang steht, möchten wir selbstverständlich, dass es auch nach 700 Jahren rückgängig gemacht wird«, sagte Schramm der Thüringer Allgemeinen.

»Ich hoffe, dass wir uns gut einigen können«, so Schramms Wunsch. Er rechnet mit einem baldigen Treffen mit Bischof Ulrich Neymeyr. »Wir haben ein herzliches Verhältnis«, versicherte Schramm unserer Zeitung. Und im Übrigen werde man zunächst mögliche Belege für den Aaron zu studieren haben. »Nach einer Jahrhunderte währenden Wartezeit kommt es jetzt auf ein paar Wochen mehr oder weniger nicht an«, meinte Schramm lächelnd.

Während eines Pogroms vom 21. März 1349 war die Aaron-Figur aus der Synagoge offenbar entfernt worden und bis 1425 in den Erfurter Mariendom gelangt. Sie habe nun als Leuchter für ein universitäres Nachtgebet gedient, so die Experten. Im 20. Jahrhundert sei sie nach einer legendären Zuweisung zu einer Büßerstiftung gesondert aufgestellt und als Lichtfigur gedeutet worden. epd/ja

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026