Kino

»Familie bedeutet lebenslang«

Regisseur Dani Levy Foto: dpa

Kino

»Familie bedeutet lebenslang«

Dani Levy über seinen neuen Film »Die Welt der Wunderlichs«, psychische Störungen und Castingshows als Befreiung

von Martin Schwickert  13.10.2016 12:24 Uhr

Herr Levy, heute läuft Ihr neuer Film »Die Welt der Wunderlichs« in den Kinos an. Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet eine Komödie zu drehen, in der psychische Störungen eine große Rolle spielen?
Psychische Störungen betreffen uns heute alle. Sie sind eine Reaktion auf ein anstrengendes Leben, an dem die Menschen verzweifeln, auf das sie mit Ängsten, Überforderung, Erschöpfung, Überstrukturieren oder Atemlosigkeit reagieren. Das Thema ist zwar sehr viel weniger tabuisiert als noch vor zehn oder 20 Jahren. Man kann heute sagen »Ich habe ein Burn-out oder eine Depression«, ohne dafür wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Aber ich wollte einen Film machen, der mit diesem Thema liebevoll und amüsant umgeht.

Warum war es Ihnen wichtig, den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen?
In der Komödie waren Figuren mit psychischen Macken schon immer zu Hause. Die Komödie an sich nährt sich ja aus der Widersprüchlichkeit des Menschen, dem Scheitern und dem Nicht-Zurechtkommen der Menschen miteinander.

Warum bieten Familien immer wieder einen solch fruchtbaren Boden für Komödien?
Jeder von uns hat seine eigene Geschichte mit der Familie. Man kann nicht einfach aussteigen aus diesem Klub, in den man hineingeboren wird und dessen Mitgliedschaft sich nicht kündigen lässt. In gewissem Sinne bedeutet es lebenslang. Familien sind im Leben oft anstrengend und festgefahren. Es ist nicht so einfach, aus der eigenen Rolle herauszukommen. Hier kann die Komödie – im Gegensatz zur Tragödie und dem echten Leben – latente Lösungsvorschläge anbieten: Da gibt es Figuren, die Regeln verletzen, die ausbrechen, für etwas kämpfen, plötzlich Geheimnisse ausplaudern – all diese Elemente bringen in der Komödie die eingefahrenen Strukturen in Bewegung.

Inwieweit sind hier auch Ihre eigenen Familienerfahrungen eingeflossen?

Meine Familie ist leider nicht so durchgedreht und vor allem nicht so durchlässig wie die Wunderlichs. Ich komme aus einer eher stillen, verstockten und verklemmten Familie. Die Atmosphäre war durchaus liebevoll, aber über Persönliches und Emotionales wurde sehr wenig gesprochen. Da sind die Wunderlichs im Film eine Art befreiender Gegenentwurf.

Im Zentrum der Geschichte stehen Mimi und ihr achtjähriger Sohn Felix. Was macht die besondere Dynamik einer solchen Mutter-Sohn-Konstellation im Alleinerziehenden-Modus aus?

Alleinerziehende Mütter haben eine Menge zu stemmen. Sie sind echte Alltagsheldinnen. Sie haben eine fürsorgliche, aber oft auch etwas symbiotische Beziehung zu ihren Kindern und sind dadurch ziemlich unfrei. Das eigentliche Thema des Filmes ist, dass Frauen immer noch von der gesellschaftlichen Konvention geprägt sind, ihre Wünsche und Träume hintanzustellen. Für Männer ist das Streben nach persönlicher Erfüllung oft eine Selbstverständlichkeit. Für Frauen hingegen bedarf es meistens eines Befreiungsschlages – so wie ihn Mimi im Film vollzieht. Sie muss erst lernen, ihre eigene Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Castingshows werden normalerweise als eher zynische Veranstaltungen wahrgenommen. In Ihrem Film hingegen wird eine Castingshow zum familientherapeutischen Katalysator ...
Mir war gar nicht bewusst, wie sehr sich die Gemüter an diesen Castingshows scheiden. Im Film geht es ja nicht um Castingshows. Für mich war entscheidend, dass Mimi ein Ziel hat. Und da Die Welt der Wunderlichs ein Musikfilm ist – ich liebe Musikfilme, es gibt viel zu wenige davon in Deutschland! – und Mimi eine Singer-Songwriterin, erschien mir ein Musikwettbewerb einfach ein realistisches Modell, in dem sie sich als Musikerin bewähren muss. Ich mag solche Shows, natürlich nicht alle. Aber wenn normale Menschen die Chance bekommen, ihren Traum auf der Bühne auszuleben, dann hat das für mich manchmal etwas sehr Berührendes.

Mit dem Regisseur sprach Martin Schwickert.

Der Trailer zum Film:
www.youtube.com/watch?v=N1HK969NnnM

Heidelberg

»Bitte zieht euch nicht zurück!«

Nach ihrer Hochschulrede stellte sich Bundesbildungsministerin Karin Prien Fragen aus der jüdischen Gemeinschaft und den Universitäten

von Ayala Goldmann  23.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  23.01.2026

Jerusalem

Dem Vergessen entrissen

In der neuen Yad-Vashem-Ausstellung »Living Memory« werden ausgewählte Gegenstände aus dem Archiv der Schoa-Gedenkstätte gezeigt. Das Schicksal ihrer ehemaligen Besitzer wird dadurch greifbar

von Joshua Schultheis  23.01.2026

Streaming

Jerry Lewis: »From Darkness To Light« jetzt abrufbar

Der SWR zeigt einen Dokumentarfilm über die Entstehung einer nie gezeigten Holocaust-Komödie von und mit dem jüdischen Komiker Jerry Lewis

 23.01.2026

TV-Kritik

3sat-Komödie über einen konvertierenden Juden: Star-Comedian Gad Elmaleh spielt sich selbst

Ein Jude möchte wegen seiner Verehrung der Jungfrau Maria zum Katholizismus übertreten, ohne seine jüdische Familie zu verprellen. 3sat zeigt die autobiografisch gefärbte Komödie des französischen Komikers Gad Elmaleh

von Kira Taszman  23.01.2026

Dokumentation

»Grund zur Sorge und Grund für Hoffnung«

Auszüge aus der Heidelberger Hochschulrede von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über antisemitismuskritische Bildungsarbeit

von Karin Prien  23.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  23.01.2026 Aktualisiert

Toronto

Israelischer Comedian wird stundenlang am Flughafen festgehalten

Guy Hochman braucht Hilfe von Israels Außenminister Gideon Sa’ar, um nach Kanada einreisen zu können. In New York verhindern Israelhasser einen Auftritt

von Imanuel Marcus  23.01.2026 Aktualisiert

"Dschungelcamp"

»Mir tut es leid«: Gil Ofarim überrascht mit Entschuldigung 

Der Sänge steht unmittelbar vor dem Start der Staffel erneut im Mittelpunkt der Debatte

 23.01.2026