Hysterie

Falscher Alarm

Ich seh’ etwas, was du nicht siehst: Ganzkörperscanner für die Kontrolle an gefährdeten Objekten Foto: imago

Terroralarme waren in Israel bis etwa 2002, auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada, Geheimsache. Nur eine Handvoll hochrangiger Armee‐, Polizei‐ und Geheimdienstoffiziere erhielten sie und leiteten sie dann an die zuständigen Sicherheitskräfte weiter, die entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen – Straßensperren und so weiter. Irgendwann, als die Spannungen zunahmen und es jeden Tag Anschläge gab, wurde dann entschieden, dass dieses Filtern der Warnungen an ein paar Spezialisten nicht funktionierte (nichts funktionierte damals). Man beschloss, die Alarmmeldungen sofort und direkt an die Öffent‐ lichkeit zu geben.

In einer Ära, in der elektronische und digitale Medien allgegenwärtig sind, und in einem Land, wo viele Menschen an den Nachrichten hängen wie ein Patient am Tropf, verbreiteten die Terrorwarnungen sich rasch und überall hin. Binnen weniger Tage waren sie Teil der Nachrichten in Radio, Fernsehen, Zeitungen und Internet – mal allgemein, mal auf bestimmte Städte und Gebiete bezogen (»im Landesinneren«, »im Norden«) und mit Beschreibungen des erwarteten Anschlagstyps: Selbstmordattentat, Schießerei, Raketenangriff, Entführung.

alarm‐inflation Eine rasche Google‐Recherche bringt Erinnerungen zurück: 55 verschiedene Warnungen an einem einzigen Tag nach der Tötung eines Hamasführers in Gaza 2003; zehn spezifische Alarme vor Selbstmordattentaten plus Dutzende von allgemeinen Hinweisen während der Friedensverhandlungen von Annapolis im November 2007; massenweise Alarmmeldungen vor einem jüdischen Feiertag voriges Jahr; Reisewarnungen für israelische Touristen in Jordanien, Europa, Afrika, Fernost und natürlich im Sinai – vor dem Sinai wird stets gewarnt, seit es Terroralarme gibt.

Ich erinnere mich vage, dass ich anfangs etwas nervös war, als die Warnungen sich zu verbreiten begannen. Kann sein, dass ich sogar Sinai von der Liste möglicher Urlaubsziele strich. Aber nach nur ein paar Wochen war die Masse der Alarmhinweise zu lächerlich viel geworden, als dass man damit noch hätte umgehen können. Und nachdem klar wurde, dass sie sich fast nie bestätigen (ich bin versucht, zu schreiben »nie bestätigen«, aber vielleicht stimmen sie von Zeit zu Zeit, ob Zufall oder nicht), wurden die Terrorhinweise zu einer Art lästigem Hintergrundgeräusch, wie etwas, das stets in den Nachrichten läuft, aber von keinem beachtet wird.

paranoia Ich erinnere mich auch, dass ich mich fragte: Warum machen die das? Und was sollen wir damit anfangen? Gewiss, die Leute fuhren damals seltener mit dem Bus und vermieden große Menschenansammlungen. Aber das war das Resultat der tatsächlichen Bomben, der Realität, und nicht der Warnungen davor. Es schien keinen praktischen Zweck für diese öffentlichen Terrorwarnungen zu geben, es sei denn den, die Hysterie und Paranoia, die sowieso allgegenwärtig waren, noch zuzuspitzen. Jedenfalls änderten sie nichts an meinen Gewohnheiten und denen meiner Freunde und Bekannten. Niemand blieb zu Hause und hörte auf zu leben.

Vielleicht waren die Warnungen ja für die Terroristen selbst gedacht, um ihnen zu sagen: »Wir wissen, was Ihr vorhabt, und wir werden Euch kriegen!« Das hätte vielleicht sogar funktioniert, wenn es wenige und sehr genaue Alarmmeldungen gegeben hätte, die sich auch als zutreffend erwiesen hätten. Doch die Inflation tagtäglicher Terrorhinweise hatte den gegentei‐ ligen Effekt. Diejenigen, die solche Angriffe planten, werden durch sie eher ermutigt worden sein, weil sie wussten, dass die israelischen Sicherheitsdienste keine Ahnung hatten und blind um sich schossen. Also konnten die Terroristen weitermachen – was sie auch taten.

Selbstzweck Wenn aber Terroralarm weder der Bevölkerung nützt noch die Terroristen abschreckt, wozu ist er dann gut? Die Antwort ergibt sich, wenn man die fehlende Seite des Dreiecks betrachtet: die Sicherheitsbehörden, die die Warnungen ausgeben. Denken Sie mal einen Augenblick darüber nach. Die Dienste haben nichts zu verlieren. War die Warnung falsch und kein Anschlag hat am angegebenen Ort zum angegebenen Zeitpunkt stattgefunden, schadet das nichts. Keinem ist etwas passiert, die Jungs haben nur ihren Job gemacht und waren supervorsichtig.

Sie könnten sogar behaupten, dass ihre gute Arbeit – vielleicht sogar der Alarm selbst – ein Attentat verhindert hat. Falls es doch einen Anschlag gibt, der irgendwie mit dem Alarm zusammenhängt – nun, das zeigt nur, wie gut vorbereitet die Sicherheitsbehörden sind und welche exzellenten Informationsquellen sie haben. Mehr noch: Bei einem tatsächlichen Angriff verlagern die Vorabhinweise einen Teil der Verantwortung auf die Opfer.

Wenn es hieß, dass im Sinai etwas passieren könnte und es ist im Sinai tatsächlich etwas passiert, warum zum Teufel sind die Opfer dennoch in den Sinai gereist? Sie hätten auf uns hören sollen! Eine tolle Methode für die Sicherheitsbehörden, sich gegen Kritik abzusichern!

Genauigkeit Wohlgemerkt: Ich empfehle nicht, Terrorwarnungen zu ignorieren. Und natürlich behaupte ich auch nicht, dass es da draußen nicht üble Typen gibt, die Unschuldige angreifen wollen. Ich verlange auch nicht, dass die potenziellen Opfer nicht auf diese Gefahr aufmerksam gemacht werden sollten, damit sie sich so weit wie möglich vorsehen können.

Ich sollte auch an dieser Stelle die harte und gute Arbeit unserer Sicherheitsbehörden würdigen, die in Israel, Deutschland und überall sonst dafür sorgen, dass unsere Sicherheit gewährleistet bleibt und wir unseren Alltag weiter leben können. Aber ich denke auch, dass, wenn das Instrument der Terrorwarnung effektiv sein soll, es geschickt und vorsichtig eingesetzt sein will.

Alarme sollten so spezifisch wie nur möglich sein, möglichst klare Verhaltensregeln beinhalten und nur selten gegeben werden, dann nämlich, wenn dahinter substanzielle Erkenntnisse stehen. Sonst läuft man Gefahr, das Gegenteil dessen zu erreichen, was man wollte. In Israel ist genau das in den vergangenen Jahren so passiert. Meine Freunde und ich haben Terrorwarnungen rasch ignoriert. Ich plane sogar, demnächst mit der Familie Urlaub auf dem Sinai zu machen – wenn ich nur meiner Frau ihre Ängste ausreden kann.

Assaf Gavron, (42) ist israelischer Schriftsteller und Autor des Romans »Ein schönes Attentat« (Luchterhand 2008). Zuletzt ist von ihm im selben Verlag »Alles paletti« erschienen.

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