Kino

»Es geht ums Weiterleben«

Herr Spiller, Ihr Film »L’Chaim« hatte am 1. Juli Premiere auf dem Filmfest in München. Wovon handelt Ihre Dokumentation?
Es ist ein Film über meinen Cousin Chaim Lubelski, der ein sehr bewegtes Leben hinter sich hat: Er war Hippie, Schachspieler in St. Tropez, erfolgreicher Geschäftsmann in New York. Das alles hat er aufgegeben, um zu seiner Mutter ins Altersheim nach Antwerpen zu ziehen und sich dort um sie zu kümmern. Seine Eltern sind Schoa-Überlebende. Chaim hatte schon immer ein sehr starkes Verantwortungsbewusstsein. In den letzten Jahren wollte er seiner Mutter das Leben so erträglich wie möglich machen. Das alles macht er mit sehr viel Liebe. Er jammert nicht. Er sieht sich nicht als Opfer und klagt niemanden an. Chaim vermittelt ein hohes Maß an Menschlichkeit. Der Film hieß zuerst auch A Real Mentsch.

Warum haben Sie den Titel geändert?
Weil es ums Weiterleben geht. Trotz allem. L’Chaim heißt übersetzt: Auf das Leben. Ich wollte immer einen Film über Chaim machen. Er berührt die Menschen ungemein, denn er hat eine Fähigkeit, die ihn von vielen anderen unterscheidet: Er gibt gern. Viele Menschen nehmen immer, aber geben nie. Wenn jemand Unterstützung braucht, ist Chaim da. Er hilft auf stille Art und Weise. Als er dann mit seiner Mutter zusammengelebt hat, habe ich gemerkt, dass es neben dieser unheimlich großen Menschlichkeit eben auch um eine andere Ebene geht. Nämlich darum, wie der Holocaust sein Leben beeinflusst hat. Und das ist eine Ebene, zu der ich auch etwas beitragen kann, denn ich selbst bin Kind von KZ-Überlebenden. Ich habe somit auch einen Teil meiner Geschichte erzählt, nur dass Chaim mein Sprachrohr ist.

Was hat Sie zu dem Projekt inspiriert?
Der Film Into the Wild von Sean Penn. Er handelt von jemandem, der von sich selbst sagt: Ich will mit dieser Gesellschaft nichts zu tun haben. Er ging in die Wildnis und hat ganz für sich gelebt. Ich habe gemerkt, dass Chaim ähnlich ist. Er hat diese Reise allerdings mitten in der Gesellschaft vollzogen. Und ist dabei aber so facettenreich, dass der Film durch ihn auch ganz viele andere Themen anschneidet: Welche Auswirkungen hat die Schoa auf die zweite und dritte Generation? Wie geht man mit Schicksalen um? Was mache ich mit meinen Eltern, wenn sie alt sind? Welche Prioritäten setzt man im Leben: materielle Dinge oder Menschliches?

Chaim lebte mit seiner Mutter zusammen. Wie haben Sie diese Mutter-Sohn-Beziehung beobachtet?

Chaim sagte immer, nach alledem, was die Eltern durchgemacht hatten, hätten sie einen Bonus. Und das ist typisch für die zweite Generation. Man geht mit Eltern, die im Konzentrationslager waren, anders um. Er hatte nur einmal für ein Jahr den Kontakt abgebrochen, um, wie er sagt, Raum zum Atmen zu haben. Aber dann machte er sich Sorgen um sie, und näherte sich seiner Mutter wieder an, die auch manchmal nervte, wie wohl alle Mütter es irgendwann tun.

Womit hat sie ihn denn genervt?
Chaim fällt natürlich durch sein Äußeres auf und trägt gern verschlissene Kleidung, weil er eben nicht in eine Schublade gesteckt werden will. Für ihn zählt Understatement. Und jeden Tag sagte seine Mutter zu ihm: »Zieh dich ordentlich an, rasier dich.« Es ist fast komisch, und er konnte auch darüber lachen. Gleich zu Beginn des Films sagt Chaim, dass seine Mutter im Alter fast wie seine Tochter geworden. Und sie ist auch so etwas wie der heimliche Star des Films. Sie hat nie über ihr Leben geklagt.

Woher, vermuten Sie, hat Chaims Mutter die Kraft genommen?
Sie war eine Frohnatur. Allerdings erzählt Chaim auch, dass sie nachts oft durch Panikattacken aufgewacht ist und die Bilder ihrer Eltern angesehen hat. Trotzdem hatte sie – wie viele Überlebende – die Kraft weiterzumachen.

Mit dem Kölner Regisseur sprach Katrin Richter.
www.facebook.com/LECHAIMFILM

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  01.05.2026