Interview

»Er hat einfach ›Nein‹ gesagt«

August Diehl beim Filmfestival in Cannes Foto: imago images / Xinhua

Wahrscheinlich gelingt dem deutschen Schauspieler August Diehl mit dieser Rolle endgültig der internationale Durchbruch: In »Ein verborgenes Leben« von US-Regisseur Terrence Malick spielt er den österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der sich im Zweiten Weltkrieg weigerte, für die Wehrmacht zu kämpfen. Das berührende Drama wurde bei seiner Vorstellung am Sonntagabend beim Filmfest Cannes euphorisch gefeiert. Ein Interview.

Herr Diehl, der Film »Ein verborgenes Leben« basiert auf einer wahren Geschichte. Was berührt Sie daran besonders?
Ich finde bemerkenswert, dass Franz Jägerstätter nicht etwas getan hat, so wie andere Leute, die Juden gerettet haben oder einen Bombenanschlag. Sein Akt war passiv, er hat einfach gesagt »Nein«. Das ist vielleicht das Stärkste und Unangenehmste, das es gibt, weil der Umgang damit so schwierig ist. Er hat es ja nicht begründet, er war kein Intellektueller. Er hat einfach gesagt »Das macht man nicht.«

Sich zu verweigern, kann aber durchaus als aktive Tat verstanden werden, oder?
Das ist durchaus eine Tat. Darüber habe ich viel nachgedacht: Wie stark überhaupt das »Nein«-Sagen ist. Es wird in unserer Welt immer weniger. Das ist einfach unangenehm – und es bringt jeden anderen dazu, seine Entscheidung zu hinterfragen. Franz Jägerstätter hat dabei niemand anderen verurteilt, sondern gesagt: »Ich kann nicht etwas machen, wo ich ganz sicher weiß, dass es falsch ist für mich.« Das ist eine Stärke, die auch in der heutigen Welt viel verändern könnte.

Tatsächlich kann man im Film einige Parallelen zur Gegenwart erkennen – von Angst vor Flüchtlingen bis zur Verteidigung des Vaterlandes. Wie beobachten Sie diese Entwicklung, die es derzeit in vielen Ländern gibt?
Es ist ja bald Europawahl, da habe ich richtig Angst, das muss ich ehrlich sagen. Auch in Bezug auf diesen Film, wo es eher ein stiller Moment ist, dieses »Nein«-Sagen. Im Moment aber wird die Welt immer lauter und lauter, immer furchtbarer, immer blutrünstiger. Manchmal denkt man dann »So schlimm war es doch noch nie«. Dadurch fehlt aber genau die andere Seite, nämlich das Innehalten und Sagen »So geht das nicht« – ohne die anderen zu verurteilen oder zu handeln.

Ist eine Gefahr, damals wie heute, nicht auch eine Polarisierung, bei der eine Seite nicht mit der anderen spricht?
Es ist völlig verlernt worden, in einem guten Sinne zu streiten. Das ist mit die größte Katastrophe. Wenn Denkverbote ausgesprochen werden. Ein Streit ist an sich etwas Wunderbares, etwas ganz Wichtiges. Wenn das flöten geht, dann werden die, die am lautesten schreien, gewinnen.

Wie der Film zeigt, gab es ähnliche Mechanismen schon einmal. Haben wir das vergessen?
Das glaube ich sowieso. Der Mensch lernt nichts durch die Geschichte. Wir sind ja auch eine andere Generation. Ich kann nichts vergessen haben, ich war damals noch nicht geboren. Die Jungen haben nichts zum Erinnern – auch weil die Älteren ihre Erinnerungen nicht weitergegeben haben. Ich glaube, dass es da Schnitte zwischen den Generationen gibt.

Regisseur Terrence Malick ist nie in der Öffentlichkeit zu sehen, auch bei Premieren und Preisverleihungen nicht. Sie aber haben ihn nun näher kennengelernt. Was ist das für ein Mensch?
Ein sehr offener, sehr bescheidener, sehr neugieriger und sehr lustiger Mensch. Man lacht viel mit ihm. Ich begreife diese ganze Arbeit am Film als ein riesiges Geschenk.

Und wie ist er als Regisseur?
Er fragt sehr viel über das persönliche Leben und was man über Dinge denkt. Man redet viel über philosophische Fragen oder wie man die Welt sieht. Er will genau wissen, wo man aufgewachsen ist, wie die Kindheit war. Das ist ein Prozess, bei dem man sich nach und nach kennenlernt, auch während des Drehens. Er bezieht einen ganz stark ein in eine Suche. Dabei hat er aber nicht für alles gleich eine Antwort, sondern fragt eher.

Fließt das auch in den Dreh ein?
Ja, sehr. Das ist eine ganz langsame und vorsichtige Suche nach dem Film. Ich erinnere mich, dass wir auch ein Drehbuch hatten. Aber das war bei mir nach drei, vier Tagen schon weggeworfen. Die Takes dauern sehr, sehr lange, in ihnen sucht er (Malick) nach DEM Moment. Die Suche nach dem Augenblick ist sehr wichtig für ihn. Dialoge gab es sehr wenige in dem Film, es ging um die Arbeit an Stimmungen.

Mit dem Schauspieler sprach Aliki Nassoufis.

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