Kino

Ende des Verdrängens

Frankreich ist zurzeit Schauplatz eines eigentümlichen Reklamefeldzugs: Von Werbeflächen prangen Filmplakate mit einem großen Hakenkreuz, das den Himmel über Paris verdunkelt. Der Trailer des gepriesenen Streifens La Rafle (Die Razzia) wirbt mit siebenstelligen Besucherzahlen. Viele, die den Film gesehen haben, berichten unter Tränen von ihrer Erschütterung und der Wichtigkeit des Gesehenen.

Selten hat es in den vergangenen Jahren in der Grande Nation so viel Aufregung um einen Film gegeben. Das verwundert kaum. Denn viele Sondersendungen im Fernsehen und Radio begleiten das Kinoereignis, das mit einem Staraufgebot eine der dunkelsten Episoden der französischen Kollaboration zeigt: die Massenverhaftung von rund 13.000 überwiegend nach Frankreich geflüchteten Juden im Juli 1942.

Erinnerung Mehr als die Hälfte von ihnen wurde ohne Verpflegung und Zugang zu sanitären Einrichtungen über fünf Tage mitten in Paris in der mittlerweile abgerissenen Radsporthalle »Vel d’Hiv« eingesperrt. Danach kamen sie in ein Durchgangslager, bevor sie schließlich nach Auschwitz deportiert wurden. Einschneidend für die aktuell aufflammende französische Erinnerungskultur ist dabei, dass der Befehl der deutschen Besatzer von französischen Polizisten mit perfidem Eifer ausgeführt wurde. Einem Eifer, der dem der Deutschen in vielem nicht nachstand.

Der Film rekonstruiert diese Erschütterung des französischen Selbstverständnisses gleichermaßen faktentreu und emotional. Der Regisseurin Roselyne Bosch war daran gelegen, einen gerade für Jugendliche ansprechenden Film zu drehen, der pädagogisch eingesetzt werden kann. Dies ist ihr gelungen, indem sie eindringlich den Hergang und die Atmosphäre nachzeichnet und hohes Identifikationspotenzial bietet. So wird die aufwühlende Geschichte aus der Perspektive des elfjährigen Jo Weismann erzählt, dem als einem der wenigen später die Flucht aus einem Durchgangslager gelingen sollte.

KITSCH Unterdessen bemängeln nahezu alle Kritiker, dass dabei ein kitschiges Historiendrama herausgekommen sei, weshalb auch die Kennzeichnung einer Schindlers Liste à la française öfters zu hören war. Dem wird von Fürsprechern wie dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy entgegengehalten, dass schon die massenkompatible Thematisierung und die gesellschaftliche Debatte Existenzberechtigung genug seien. Als Beispiel nannte er die Ausstrahlung der Serie Holocaust Ende der 70er-Jahre in Deutschland.

Freilich ist zu fragen, ob Razzia und Kollaboration wirklich einen solch blinden Fleck darstellen, wie es der Film suggeriert: Gleich zu Beginn wird mit enthüllendem Pathos eingeblendet, alle dargestellten Ereignisse hätten sich tatsächlich zugetragen. Dass La Rafle hier mit einem Tabubruch kokettiert, ist schon dadurch zu erahnen, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt. Denn als wohlbekannter Skandal ohne Skandal bewegt sich der Film lediglich in der Nachhut eines Diskurses, den ein französischer Präsident vor einigen Jahren in den nationalen Erinnerungskanon gehoben hat.

Es war Jacques Chirac, der 1995 als eine der ersten Amtshandlungen die peinliche Verweigerung seines mit Kollaborationskreisen verbandelten Vorgängers François Mitterrand beendete. Erst seitdem bekennt Frankreich sich zur Mitschuld an der Verfolgung der Juden. Noch 1992 hatte Mitterand gesagt, Frankreich hätte nichts gutzumachen, da in der betreffenden Zeit keine Republik existiert habe. Eine solche Einschätzung des damaligen Präsidenten erinnert nicht von ungefähr an die Selbstentlastung der DDR als »antifaschistischer Staat«.

Aufarbeitung Erklärbar werden solche Verrenkungen mit Blick auf die spezifische Nachkriegsgeschichte Frankreichs. In den ersten Jahren nach 1945 schmiedeten Parteikommunisten und Gaullisten eine eigentümliche Allianz zur inneren Einigung der Nation: Der tradierten Erzählung zufolge stand das in der Résistance organisierte Volk den deutschen Aggressoren geschlossen gegenüber. Erst mit den Ereignissen um 1968 rückten die innere Spaltung der Bevölkerung und der Mord an den Juden stärker ins französische Bewusstsein.

Interessanterweise war auch unter Juden die Akzentuierung der französischen Schuld äußerst umstritten, da mit ihr der Unterschied zu den deutschen Besatzern zu verschwinden schien. Ihn aufrechtzuerhalten gebietet aber schon der Umstand, dass drei Viertel der Juden in Frankreich durch die Hilfe der Bevölkerung vor der Deportation gerettet werden konnten.

All diese Ambivalenzen und Brüche bildet La Rafle nicht ab. Und nicht nur das: Um die moralische Niedertracht der Polizisten noch stärker zu betonen, werden die restlichen Bürger und das Leben der Juden vor der schicksalhaften Nacht umso positiver inszeniert. Auch die angestrebte Identifikation mit dem Protagonisten Jo Weismann kreiert durch seine gelingende Flucht schließlich eine Art Happy End. Die bleibende Traumatisierung der 62.000 versteckten jüdischen Kinder blendet der Film gänzlich aus.

Unbelehrbar Es stellt sich die Frage, ob Filme wie La Rafle dem heute grassierenden Antisemitismus wirksam den Boden entziehen können. Die Verdoppelung der antisemitischen Straftaten in Frankreich im Jahr 2009 ist in erster Linie auf irregeleitete Reaktionen auf den Gazakrieg zurückzuführen. Doch bedürfen jene Migrantenkinder, denen ein Sinneswandel gut- täte, wirklich der Erinnerung an die Kollaboration mit den Deutschen?

Der Film erreicht weder muslimische Jugendliche in der Pariser Banlieue noch die wiedererstarkte Rechte im Land. So rief erst kürzlich der Chef der rechtsradikalen Front National, Jean-Marie Le Pen, angesichts eines überfüllten Saals bei seiner Pariser Wahlkampfveranstaltung ins Auditorium: »Das nächste Mal nehmen wir das Vel d’Hiv!«

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