Berlin

Einsichten im Surround-Sound

Legerer Auftritt: Frank Schätzing Foto: dpa

Berlin

Einsichten im Surround-Sound

Frank Schätzing präsentiert seinen Nahost-Thriller »Breaking News« im Berliner Tempodrom

von Ingo Way  27.10.2014 20:14 Uhr

Am Eingang gibt es eine Taschenkontrolle – schließlich handelt es sich um eine Veranstaltung mit Israelbezug. Doch an diesem Abend versammeln sich im Berliner Tempodrom nicht die üblichen Verdächtigen aus der Pro-Israel-Szene, sondern Fans des Bestseller-Autors Frank Schätzing (Der Schwarm), der seinen im Frühjahr erschienenen Politthriller Breaking News vorstellen wird.

Und darin schickt Schätzing nicht nur seinen Helden, den Kriegsreporter Tom Hagen, auf eine wilde Jagd durch Israel und das Westjordanland, er erzählt in einem parallelen Handlungsstrang auch noch die fiktionalisierte Lebensgeschichte des verstorbenen Ministerpräsidenten Ariel Scharon.

Der Saal verdunkelt sich, sichtbar ist nur noch das Gesicht des Autors, der die ersten Seiten aus Breaking News vorliest. Die Szene spielt in Afghanistan, begleitet wird Schätzings sonore Stimme von einer Klanginstallation im Surround-Sound, für die gleich fünf Tontechniker sorgen.

Unsichtbare Hubschrauber scheinen durch das Tempodrom zu schwirren, Jeeps lassen ihre Reifen quietschen, bald darauf wähnt man sich inmitten eines orientalischen Schuks mit seinen Marktschreiern und Eseltreibern. Der Autor liest Seite um Seite, und man fragt sich schon bang, ob er im Laufe des Abends etwa seinen gesamten 1000-seitigen Wälzer zum Vortrag bringen will.

Humor Doch dann geht das Licht an, und von da an besteht der größte Teil des Abends aus Schätzings launigen Plaudereien über die Entstehung seines Buches und über Israel. Mit einem Humor, der manchmal eine Spur zu kumpelhaft rüberkommt, aber doch auch mit unleugbarem Charme. Zwischendurch singt immer mal wieder die Sängerin Ofrin – leider ohne ihre Band, die Musik kommt aus dem Rechner – ein Lied in englischer oder hebräischer Sprache, was dem Ganzen ein wenig den Charakter eines bunten Abends verleiht.

Die Idee zu Breaking News kam ihm, erzählt der Autor, als er mit Freunden in einer Kölner Südstadtkneipe über den Nahen Osten und Scharons Rückzug aus dem Gazastreifen parlierte. Schätzing wollte daraufhin einen Verschwörungsthriller schreiben, der auf der Grundidee beruht: Was wäre, wenn Ariel Scharon von seinen politischen Gegnern vergiftet worden wäre, um ihn unschädlich zu machen?

Doch als er sich an die Arbeit machen wollte, merkte er, dass er von Israel eigentlich gar keine Ahnung hatte. Also fing er an, intensiv zu recherchieren und mehrere lange Reisen nach Israel und ins Westjordanland zu unternehmen, teils in Begleitung seines Verlegers Helge Malchow. »Und was ich dort erlebt habe, hat alles auf den Kopf gestellt, was ich über die Region zu wissen glaubte. Fahren Sie dort einmal hin, und Sie werden merken, dass es kein Schwarz oder Weiß gibt«, rät Schätzing dem staunenden Publikum.

Empathie Obwohl er in seinen Ausführungen aus seiner Abneigung gegen die israelische Siedlungspolitik kein Hehl macht, wirbt Schätzing doch vor allem um Verständnis und Empathie für die Israelis (und für jene Palästinenser, die sich lieber dem Streben nach Wohlstand als dem Dschihad gegen den jüdischen Staat widmen).

So erklärt er, dass die berüchtigte Sperranlage tatsächlich die Zahl der Terroranschläge erheblich gesenkt hat, dass die Hamas den letzten Gaza-Krieg durch ihre Kassamraketen provoziert hat; er erzählt von religiösen Siedlern im Westjordanland, die mit ihren palästinensischen Nachbarn gemeinsam gegen den Verlauf der Trennmauer geklagt haben, und von Geschäftsleuten in Nablus, die einfach nur mit ihren israelischen Partnern Handel treiben möchten. Und da das Publikum, wie gesagt, nicht aus bereits Überzeugten besteht, betreibt Frank Schätzing an diesem Abend Aufklärung im besten Sinne.

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026

Zahl der Woche

85 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 24.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wenn das Leben dir Zitronen schenkt oder Kennst du das Land ...

von Katrin Richter  24.05.2026

Konzert

»Man muss richtig aus dem Vollen schöpfen«

Omer Meir Wellber bringt »Mass« von Leonard Bernstein auf die Bühne. Hamburgs Generalmusikdirektor erklärt, welche Faszination von dem Stück ausgeht

von Stephen Tree  24.05.2026

Kulturkolumne

Wenn Israelis anklopfen

Influencer haben das alte Israel für sich entdeckt – und feiern es online

von Sophie Albers Ben Chamo  24.05.2026

Medizin

Gemeinsam gegen Krebs

Von den Grundlagen zur Therapie: Seit 50 Jahren arbeiten deutsche und israelische Wissenschaftler bei der Erforschung von Tumoren zusammen

von Gabriele Hermani  24.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  24.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026