Berlinale

»Eine Verbeugung vor den Filmen von früher«

Regisseur und Oscarpreisträger Ethan Coen Foto: imago

Berlinale

»Eine Verbeugung vor den Filmen von früher«

Ethan Coen über »Hail, Caesar!«, seine Abneigung gegen 3D-Filme und die Liebe zum Kino

von Patrick Heidmann  15.02.2016 19:04 Uhr

Herr Coen, mit Ihrem neuem Film »Hail, Caesar!« folgt eine leichtfüßige Komödie über das alte Hollywood auf eine melancholische Studie eines Folk-Musikers sowie einen Western. Verbindet diese unterschiedlichen Werke trotzdem etwas, das »typisch Coen« ist?
Da fragen Sie den Falschen. Bewusst jedenfalls versuchen mein Bruder und ich nicht, einen roten Faden zwischen unseren Geschichten zu spinnen. Im Gegenteil bemühen wir uns in allererster Linie darum, uns auf gar keinen Fall zu wiederholen. Sollte es also Gemeinsamkeiten in unseren Filmen geben, dann unbewusst und unbeabsichtigt.

In jedem Fall verhandeln Ihre Filme immer mehr Themen, als sich zunächst am Plot erkennen lässt. In »Hail, Caesar!« etwa geht es um Hollywood, aber auch um Religion und die US-Politik der 50er-Jahre.
Unser Vorgehen ist viel unbewusster, als Sie annehmen. Deswegen sind wir dann oft ganz erstaunt, was die Zuschauer und Kritiker in unseren Geschichten alles entdecken. In diesem Sinne ist Hail, Caesar! auch wirklich kein Film über die Jahre der McCarthy-Ära. Keine Frage, es kommt eine Gruppe von Kommunisten vor, die nach einer anderen, gerechteren Gesellschaft strebt. Aber das hat sich letztlich nur ergeben, weil wir überlegten, wer als Täter für die Entführung des Stars eines großen kapitalistischen Filmstudios infrage kommt.

Gehen Sie ähnlich instinktiv vor, wenn Sie Drehbücher für andere Regisseure schreiben, etwa im Fall von Steven Spielbergs »Bridge of Spies«, für das Sie aktuell für den Oscar nominiert sind?
Unsere Arbeit in einem solchen Fall kann man nicht mit den Drehbüchern vergleichen, die wir für uns selbst schreiben. Bei Bridge of Spies oder auch bei Angelina Jolies Unbroken werden wir erst engagiert, wenn es bereits ein fertiges Drehbuch gibt. Das schreiben wir dann nur um und feilen daran. Aber während wir bei unseren eigenen Skripten einfach drauflosschreiben und alle Freiheiten haben, gibt es in solchen Fällen natürlich klare Anweisungen – und die Vision eines anderen Filmemachers, der wir folgen müssen.

Angesichts der goldenen Ära Hollywoods, die Sie in »Hail, Caesar!« zeigen, stellt sich die Frage: Werden Sie nostalgisch, wenn Sie auf das heutige Kino blicken?
Hail, Caesar! ist ohne Frage aus unserer Liebe zum Kino entstanden, als Verbeugung vor den Filmen von früher. Und natürlich gibt es im aktuellen Hollywood vieles, was einen nostalgisch werden lassen kann. Nehmen wir zum Beispiel Filme, die in 3D gedreht werden. Ich hoffe ja immer noch, dass das nur eine Phase ist, die irgendwann wieder vorbeigeht.

Sie mögen keine 3D-Filme?

Ich finde, dass eine Geschichte durch diese Technik nichts gewinnt. Ich glaube auch, dass das auf Dauer für die Augen der Kinogänger viel zu anstrengend ist, deswegen wird niemandem daran gelegen sein, dass nun jeder Film in 3D erscheint. Wobei mein Bruder und ich natürlich auch die völlig falschen Ansprechpartner hinsichtlich technischer Neuerungen sind. Ginge es nur nach uns, wäre die Hälfte unserer Filme ausschließlich schwarz-weiß, denn für uns ist schon Farbe ein bisschen zu viel des Guten.

Mit dem Regisseur und Oscarpreisträger sprach Patrick Heidmann.

Tobias Korenke

Tobias Korenke

»Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert«

»Grandios gescheitert«: So hart urteilt Historiker Tobias Korenke über die deutsche Erinnerungskultur. Und hat Änderungsvorschläge. Bonhoeffer-Nachfahre zu sein, hat für ihn durch den AfD-Aufschwung eine neue Bedeutung

von Karin Wollschläger  08.11.2026

Blick aus einem Fenster der Höß-Villa auf Gebäude des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz

»Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten«

Kai Uwe Höss ist der Enkel von Lagerkommandant Rudolf Höß. Wie lebt es sich mit dieser familiären Bürde?

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026