Kino

Eine Reise in die Vergangenheit

Hauptdarsteller Peter Simonischek während der Berlinale-Vorstellung von »Der Dolmtscher« Foto: dpa

Er ist korrekt gekleidet, der ältere Herr, der seinen Weg durch Wien sucht. Als wäre er auf dem Weg zu einem Termin. Aber in der Tasche seines Regenmantels hat er eine Pistole. Und in seiner Aktentasche hat er ein Buch, die Erinnerungen des SS-Obersturmbannführers Graubner. An Graubners Tür in einem schönen alten Gründerzeitblock klingelt er nun.

Aber die Tür öffnet ein älterer Herr, der unmöglich der SS-Mann sein kann. Sein Vater sei schon lange tot, sagt Georg Graubner, was er denn wolle. Der alte Graubner habe seine – jüdischen – Eltern umgebracht, sagt der korrekt gekleidete Slowake Ali Ungar. Sein Vater habe Tausende von Menschen umgebracht, entgegnet Georg nur, der kurz zuvor seiner osteuropäischen Haushaltshilfe den Po getätschelt hat.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Ali zieht unverrichteter Dinge ab (nicht ohne vorher ein Hakenkreuz in den Briefkasten geritzt zu haben), doch aus dieser Begegnung entwickelt sich eine Reise in die Vergangenheit: Georg engagiert Ungar, für 100 Euro am Tag, um mit ihm zu den Orten zu fahren, an denen sein Vater sich während des Krieges aufhielt. Die perfekte – wenn auch nicht ganz neue – Ausgangssituation für ein Buddy- und Road-Movie.

GEGENSÄTZE Sulik setzt bei seinen Charakteren auf Gegensätze. Den Ali Ungar spielt der große tschechische Regisseur Jíri Menzel, der vielleicht wichtigste Exponent der tschechischen Neuen Welle in den 60er-Jahren, als eine zugeknöpfte Spaßbremse.

Dabei kultiviert Menzel einen wunderbar skeptischen Blick, mit dem er den Hedonismus von Georg gewissermaßen von der Seite betrachtet. Denn der, ein ehemaliger Lehrer, dreimal verheiratet, betrachtet die Reise, die für Ali Arbeit ist, Erinnerungsarbeit, durchaus auch als Urlaub. Georg schäkert mit jungen Frauen, trinkt auch mal einen zuviel und nimmt das Ganze zunächst nicht allzu ernst.

Die Mischung des Films aus Ernsthaftigkeit und Humor fasziniert.

Peter Simonischek variiert seine Toni-Erdmann-Figur, aber das hat durchaus seine Berechtigung, als ein Vertreter der Post-68er-Spaßgeneration vielleicht.

ERINNERUNG Nun ist es ja nicht so, dass Georg nicht wüsste, was sein Vater getan hat. Aber die Rechnung, dass er als Kind eines Täters (der im Gefängnis gesessen hat) genauso gelitten hat wie das Kind eines Opfers, geht in diesem Film nicht auf. Es wird viel Auto gefahren in Der Dolmetscher, durch eine meist graue Landschaft, und es ist für alle Beteiligten ein schmerzhafter Prozess der Erinnerung – auch für die Slowaken, die sich am Holocaust bereichert haben.

Wirklich neue Erkenntnisse fördern die Recherchen der beiden Senioren nicht zutage, aber zumindest Georg wird am Ende der Reise, so hat man den Eindruck, die Welt mit anderen Augen sehen. Man mag dem Film vorwerfen, dass er seine Geschichte um Schuld und Rache in durchaus konventionellen Bahnen erzählt. Aber gleichzeitig fasziniert die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, mit der Martin Sulik sein Thema angeht.

Ab 22. November im Kino.

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026

Jubiläum

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 22.06.2026 Aktualisiert

Kulturkolumne

Warum ich bei Fußball im Fernsehen besonders gut einschlafe

Hinter dem Phänomen steckt eine lange Familiengeschichte – unsere Autorin nimmt Sie mit auf eine Zeitreise

von Maria Ossowski  22.06.2026