Theater

Eine Frau als alter weiser Mann

Valery Tscheplanowa als Nathan Foto: picture alliance / BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com

Theater

Eine Frau als alter weiser Mann

Ulrich Rasche überzeugte bei den Salzburger Festspielen mit Lessings »Nathan der Weise« – die Hauptfigur spielte Valery Tscheplanowa

von Joachim Lange  10.08.2023 11:10 Uhr

»Tut nichts! Der Jude wird verbrannt.« Dieser Satz des Patriarchen brennt sich ins Gedächtnis. Schon bei der ersten Begegnung mit Gotthold Ephraim Lessings Toleranzstück Nathan der Weise als Schullektüre. Jetzt, wenn ihn ein kollektiver Patriarch dem jungen Tempelherrn so entgegenschleudert, dass der nicht weiß, wie ihm geschieht.

Und dann natürlich die Ringparabel, dieses so raffiniert einfache Juwel mitten im erschreckend aktuell wirkenden Stück, um die herum Lessing eine unwahrscheinlich wirkende Alle-sind-verwandt-Story gebaut hat. Beide Szenen sind angesteuerte Höhepunkte in Ulrich Rasches jüngster Salzburger Festspiel-Inszenierung des aufklärerischen Klassikers fürs Selbstverständnis einer liberalen, toleranten Gesellschaft.

MASCHINENTHEATER Rasches Maschinentheater – oder seine Theatermaschine – ist ein Phänomen. Äußerlich sofort wiedererkennbar, weil er stets alle realistisch naturalistischen Zutaten beiseite lässt und ganz eigene Überwältigungsräume erfindet. Diesmal auf der Perner-Insel in Hallein, der längst nicht mehr heimlichen Festspiel-Hauptbühne fürs Schauspiel.

Mit dem jüngsten Zuwachs seines Maschinenparks setzt er auf sich gegeneinander drehende konzentrische Laufkreise für die Darsteller. Dazu gibt es drei ebenso konzentrische Ringe in der Höhe, die fünf mit LED-Lichtern ausgestattete Säulen durch den Raum schweben lassen und so faszinierende Raumvarianten erzeugen können. Einschließlich transparenter Mauern aus Licht, durch die die Darsteller auftauchen und wieder verschwinden können. Wobei sie immer gehen: vorwärts, rückwärts, langsamer, schneller, oft seitlich. Wenn hier einmal jemand einfach stehen bleibt, entspricht das einem Ausraster im modernen Brülltheater. Flüstern oder Stille gehören nicht zu Rasches Stilmitteln.

Das Dauer-Wummern, das Nico van Wersch komponiert hat und das vier Musiker live mit Keyboard, Percussion, Bass und Synthesizer beisteuern, ist kein zurückgenommenes Hintergrund-Bling-Bling. Es ist ein immer wieder ins Crescendo fallendes Begleiten, das den Worten Gewicht verleiht, einen Schutzschild liefert, Pathos befeuert, Aufmerksamkeit erzwingt.

MALSTROM Wer nicht bewusst abschaltet, der gerät in den Malstrom einer Wortmusik, die sich genau darauf verlässt: auf den Text, den sie in den Raum schleudert. Die artifizielle Künstlichkeit dieser speziellen Art von Theater dringt gerade dadurch unmittelbar zum Text und seiner Botschaft vor.

Es wird oft chorisch gesprochen, manche Figuren aus der Christenecke des Personals (wie der fanatische Patriarch oder die schlichte Amme von Recha) treten nur kollektiv auf. Das berühmte »Tut nichts! Der Jude wird verbrannt« klingt so mehr nach Mob als nach Kirchenfürst. Sie sind in ihrem Dogma des eigenen Glaubens gefangen. Individualität würde Mut zum Denken, zum Eindenken in die Position des anderen voraussetzen.

Valery Tscheplanowa spielt den weißen, weisen alten Mann par excellence. Auf den ersten Blick wirkt das zwar wie eine allfällige Verbeugung vor dem Zeitgeist. Doch egal, was sich die Dramaturgie dabei gedacht hat, eine Extra-Attacke aufs Patriarchat ist eine solche Besetzung auch hier nicht. Sie beweist vor allem, dass die Schauspielerei eine Profession ist, die eben nicht eine persönliche Nähe oder gar partielle Identität zur oder mit der Rolle voraussetzt.

ÜBERTITEL Eine Frau vom Range der Tscheplanowa kann natürlich einen Nathan spielen. Vor allem: weil sie es kann. Außerdem hat sie den Autor Lessing im Rücken. Der plädiert zwar dafür, die drei Buch-Religionen als gleichwertig zu betrachten, vor allem nimmt er aber die Vertreter seiner eigenen besonders kritisch unter die Lupe. Rasche setzt da noch eins drauf und fügt (in den Übertiteln gekennzeichnet) antijüdische Ausfälle der Philosophen Fichte und Voltaire ein.

Bei all diesem streng formalen Gang der Dinge, Menschen und Worte kommt gleichwohl Individuelles ins Spiel. Bei Saladin etwa, dem Nicola Mastroberardino eine gewisse Eleganz in seiner Verblüffung über die Raffinesse von Nathan zugesteht. Oder bei Almut Zilcher, die aus Saladins Schwester Sittah eine geradezu gewitzte Beraterin macht. Und wenn Memet Ateşçi als Tempelherr mit seiner Leidenschaft für Recha (Julia Windischbauer) ringt, bietet das Ideentheater um ein Haar auch noch eine Liebesgeschichte.

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026