Jüdische Allgemeine

»Eine Art Ersatzgemeinde«

Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung »Die Zeit«
Im Leben eines Menschen markiert der 70. Geburtstag reifes Mittelalter, den Tag, an dem seine Leistungen gefeiert werden. Im Falle der Jüdischen Allgemeinen aber ist an ein Wunder zu erinnern. 1946 gab es keine jüdische Gemeinschaft in Deutschland, sondern nur versprengte Überlebende aus Osteuropa, die ihre angestammte Heimat ein für alle Mal verloren hatten. Sie sind nicht nach »Deutschland«, sondern nach »Amerika« gekommen – in die westlichen Besatzungszonen. Westdeutschland war nur Ruheort und Etappe auf dem Weg nach Amerika, Kanada oder Israel. Die »Allgemeine« war am Anfang eine Art Flüchtlingsblatt in einem Land ohne jüdische Zukunft.

Und 70 Jahre später? Nicht nur ist diese Zeitung kein Provisorium mehr. Es ist eine »richtige« Zeitung – anspruchsvoll in Grafik, Gestaltung und Gehalt. Es ist kein reines Gemeindeblatt mehr, sondern eine wichtige Stimme im Chor der deutschen Medien. Die »Allgemeine« spiegelt somit die Wiedergeburt des deutschen Judentums wider, das inzwischen 100.000 Gemeindemitglieder und (geschätzt) 100.000 Nicht-Mitglieder umfasst.

Das hätte sich vor 70 Jahren niemand erträumen können – ein Wunder, das zur Wirklichkeit geworden ist. Ob Jude oder Nichtjude, Bürger oder Journalist – sie alle müssen die Jüdische Allgemeine lesen, um das jüdische Leben in Deutschland zu erfahren. Darüber hinaus ist die »Allgemeine« eine unverzichtbare Stimme im Diskurs der deutschen Demokratie.

Rebecca Siemoneit-Barum, Schauspielerin
Ich habe keine Gemeinde. Ich habe keine Heimat. Wenn jemand mich fragt, woher ich komme, sage ich: »Von überall her!« Denn mein Zuhause war ein Zirkuszelt, umrandet von einem roten Zaun. Dieses Zuhause gibt es nicht mehr, und seitdem bin ich das berühmte Sandkorn im Wind, das niemals Wurzeln schlagen wird. Doch eines kann mir niemand nehmen – meine jüdische Identität! Diese ist, wie schon bei unseren Vorfahren, ortsunabhängig, und ich trage sie in jeder Zelle meines Körpers. Die Jüdische Allgemeine ist meine Gemeinde. Es mag pathetisch sein, doch diese Zeitung zeigte mir vor Jahren, dass ich nicht alleine bin. Jüdisches Leben in Deutschland ist außerhalb von Ballungszentren wie Berlin, Frankfurt oder München nicht nur schwer zu finden, sondern fast nicht existent, wenn man keiner Gemeinde angehört. Die Jüdische Allgemeine informiert mich, unterhält mich und gibt mir Heimat, egal wo ich gerade bin.

Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist
Gemeindemief und »Duft der großen weiten Welt«. Dieses Doppelaroma muss die Jüdische Allgemeine seit 70 Jahren zaubern. Nie waren die Redakteure der Jüdischen Allgemeinen um diese Herkulesaufgabe zu beneiden. Auch Erwartungshaltungen prallen seit jeher aufeinander. Die einen erwarten von einem deutsch-jüdischen Blatt journalistisches Weltspitzen-Niveau in der großen Tradition des deutschen jüdischen Journalismus. Die anderen wollen verbands- und gemeindepolitischen Verlautbarungsjournalismus mit Promi- und Klientel-Fotos. Hier Herr Präsident, dort Frau Präsidentin, hier jüdische Fußballer, dort jüdischer Frauenbasar, und auch die jüdischen Kaninchenzüchter dürfen nicht fehlen. »Ma Nischtana« (worin unterscheidet sich) da Jüdisches von Nichtjüdischem? Ich finde, dass die Jüdische Allgemeine ihre Herkulesaufgabe immer besser bewältigt. Masel tow.

Margot Friedländer, Zeitzeugin und Autorin
Als ich nach mehreren Jahrzehnten in den USA nach Berlin zurückgekommen bin, habe ich schnell die Jüdische Allgemeine entdeckt. Als ich in New York lebte, kannte ich die Zeitung noch nicht. Aber heute lese ich sie sehr gerne. Bei der Auswahl der Artikel lasse ich mich von den Überschriften leiten. Vor allem die anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA interessieren mich unter einem jüdischen Blickwinkel. Immerhin habe ich dort 64 Jahre lang gelebt. Ich lese aber auch alles andere, das mit dem Judentum zu tun hat. Allerdings würde ich mich als unpolitisch beschreiben, denn ich will meine limitierte Zeit nur noch dafür nutzen, was mir wichtiger ist als alles andere: die Zeitzeugenarbeit, über die die JA wiederholt berichtet hat. (cs)

Leeor Engländer, Kolumnist
In der »Washington Post« schreiben orthodoxe Rabbiner über die Terrorattacke in einem Nachtclub in Orlando. Die »New York Times« veröffentlicht zu den Feiertagen pessachdige Rezepte auf ihrer Website. In den Regionalgazetten von Santa Monica findet man jüdische Hochzeitsinserate. Es sind die Spuren von jüdischem Leben im Alltag der Menschen. Die Jüdische Allgemeine, jenes jüdische Refugium hingegen, erinnert mich mit all ihren Autoren, Kommentaren, Reportagen und Nützlichem an das, was spätestens seit den Naziverbrechen in Deutschland nicht mehr existiert – selbstverständliches Judentum in der Mitte unserer Gesellschaft. Ein kleiner Trost: Der türkische Kioskbesitzer in der Berliner Friedrichstraße verabschiedet mich mit einem »Schalom«, wenn ich bei ihm die »Allgemeine« kaufe. Mazal tov!

Michel Bergmann, Schriftsteller und Drehbuchautor
Die Jüdische Allgemeine gibt es, so lange es mich gibt, und seit ich die Zeitung lesen kann, ist sie mir ein angenehmer Begleiter. Niemals war ich Abonnent, aber stets ein treuer Käufer an vielen Bahnhöfen vor meinen zahllosen Zugreisen. Das auffällige Titelblatt mit dem Davidstern war besonders in den Zeiten der Abteilwagen ein Hingucker für manches Gegenüber, teils mit giftigem Blick, öfter jedoch mit Erstaunen und Neugierde verbunden. Und immer wieder Anlass zu kurzweiligen Gesprächen. Besonders am Herzen liegt mir aber die Jüdische Allgemeine, weil alle meine Romane bisher wohlwollend rezensiert wurden. Kol HaKavod – und bis 120!

Susan Sideropoulos, Schauspielerin
Für mich als Leserin ist es schön zu sehen, wie die Jüdische Allgemeine sich vor allem in den letzten drei, vier Jahren weiterentwickelt hat. Davor war die Zeitung vielleicht etwas allgemeiner als jüdisch. Heute ist sie ganz nah dran am jüdischen Leben. Sie weiß, wie Juden in Deutschland, Israel und aller Welt ticken. Was mich besonders freut: Ab und zu schlage ich die Plotkes auf und kann mich dort über den Fortgang meiner Karriere informieren. Und anders als in den Plotkes in nichtjüdischen bunten Blättern stimmt bei der JA immer jedes Wort. Wie sagt man bei uns Schauspielern? Hals- und Beinbruch für die nächsten 70 Jahre!

Marcel Reif, Fußballkommentator
Die Jüdische Allgemeine schließt für mich, der in der schweizerischen Diaspora lebt, eine Leerstelle. Denn ich bin zwar Jude, aber kein Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Durch die Zeitung hole ich mir ein Stück Jüdischkeit nach Hause. Vielleicht ist sie so etwas wie eine Art Ersatzgemeinde für mich. Liebe kleine, aber feine Redaktion der Jüdischen Allgemeinen – im Fußball würde man zu eurer Leistung folgendes sagen: Ganz stark!!

Alice Brauner, Filmproduzentin
Die Jüdische Allgemeine ist eine wichtige Zeitung, die seit 70 Jahren für so manchen Juden in der Diaspora identitätsstiftende Wirkung entfaltet. Man muss nicht immer mit jedem Inhalt konform gehen, aber in der Regel spiegeln die Artikel in großer Bandbreite die Probleme, Stimmungen, kulturellen Gegebenheiten jüdischer Menschen wider. Natürlich kommt sie oft erhobenen Zeigefingers daher und legt den Finger in so manche Wunde, die bei näherer Betrachtung gar keine sein mag. Aber mir ist so ein scharf beobachtendes, auch nur kleine Gefahren wahrnehmendes und darauf aufmerksam machendes Blatt lieber als die vielen Konsensmedien, die in allem eine Übertreibung sehen. Ich hoffe, dass die Jüdische Allgemeine noch mindestens weitere 70 Jahre durchhält.

Lena Gorelik, Schriftstellerin
Ich wünsche der Jüdischen Allgemeinen zum 70. Geburtstag mehr Jüdischkeit – und weniger davon. Mehr Jüdischkeit im Sinne von etwas mehr jüdischem Humor, der wunderbaren Fähigkeit, um die Ecke zu denken und vielseitig zu betrachten. Und weniger Jüdischkeit im Sinne von: um sich selbst, diese Jüdischkeit kreisen. (So widersprüchlich dieser Wunsch klingen kann, so jüdisch ist er.) Herzlichen Glückwunsch von ganzem Herzen, liebe Jüdische Allgemeine!

Aufgezeichnet von Christine Schmitt und Philipp Peyman Engel.

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