Navot Miller

Ein Traum und eine Realität

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Navot Miller

Ein Traum und eine Realität

Der israelische Künstler stellt in der Berliner Galerie »Wannsee Contemporary« seine »Pink Synagogue« aus. Für uns hat er aufgeschrieben, was ihn zu dem Bild inspirierte

von Navot Miller  13.09.2024 10:57 Uhr

Ich wuchs in einer religiösen Siedlung im Norden des Westjordanlandes auf und habe sehr genau mitbekommen, wann die Synagoge unseres Dorfes für Gebete genutzt wurde und – was vielleicht noch viel wichtiger war – wann nicht. Ich wuchs in einem recht heteronormativen, vom Arbeitermilieu geprägten Umfeld auf, das ziemlich religiös war, und lernte schnell, dass die Anziehung, die andere Jungen auf mich ausübten, kein Thema war, worüber ich offen sprechen sollte.

Genau das brachte mich dazu, in der Synagoge eine Art heimliche Zufluchtsstätte zu sehen. Wenn das Gebäude leer war, schlich ich mich einfach mit einem anderen Jungen hinein. Wir entkleideten uns bis auf die Unterwäsche. Auf dem Boden liegend, schmiegten wir unsere Körper eng aneinander – bis wir kamen. All das geschah lange vor der Barmizwa, weshalb wohl viel Neugierde und die typischen Auswirkungen der Pubertät im Spiel waren. Damals dachte ich, das sei nur eine Phase – etwas, dem ich entwachsen würde, und irgendwann wäre alles wieder »normal«.

Rund zehn Jahre später, ich war mittlerweile 22, zog ich nach Berlin. Heute glaube ich, dass dieser Schritt aus einem tieferen, vielleicht unbewussten Impuls heraus kam, über den ich mir damals nicht klar war. Als ich mein Dorf verließ, fragte mein Vater: »Warum ausgerechnet Berlin? Warum nicht New York, Paris oder London?« Ich antwortete, ich wolle dort Architektur studieren. Das stimmte zwar, aber heute denke ich, dass es eine tiefere innere Kraft gab, die mich nach Berlin brachte, etwas, das sich meinem Verstand womöglich entzog.

Die Synagoge meiner Kindheit war für mich mehr als ein Ort für Gebete

In Berlin begann ich – neben anderen Phasen, die ich gerade durchlief –, mir Gedanken über die Synagoge meiner Kindheit zu machen und über die Frage nachzudenken, was sie eigentlich wirklich für mich bedeutete. Offensichtlich war die Synagoge für mich mehr als ein Ort für Gebete. Sie sollte ein Refugium sein, an dem ich mein authentisches Selbst sein konnte, fernab von den Erwartungen meiner Umwelt und Erziehung.

Hier konnte ich die Rolle des maskulinen Fuß- und Baseball spielenden, auf dem Feld arbeitenden Jungen ablegen und einem authentischeren Teil von mir selbst begegnen. Aus dieser Überlegung heraus entstand das Konzept einer »Pink Synagogue«. Ich stelle sie mir als einen Raum vor, in dem Farbe und sexuelle Orientierung kein Tabu sind, sondern gefeiert werden.

Bei dieser Vision geht es nicht um Gegensätze, sondern darum, Harmonie zwischen meinen früheren Erfahrungen und meiner heutigen Identität herzustellen. Ich glaube, dass traditionelle Etikettierungen wie Reform-, orthodoxes oder konservatives Judentum einschränkend sind. Warum sollte die Identität eines Menschen auf ein einziges Label beschränkt sein? Und warum kann jemand nicht an Haschem glauben und gleichzeitig seine Anziehung zu Männern ausleben?

Judentum, das ist ein Spektrum von tiefen und vielschichtigen Erfahrungen.

In meiner Ausstellung untersuche ich diese Idee, indem ich die »Pink Syna­gogue« als einen lebendigen, design-orientierten Raum präsentiere, der zum Nachdenken und zum Gespräch einlädt. Die Inspiration kommt von Künstlern wie Christo und Jean-Claude, die den Reichstag verpackt haben, und Marc Chagall, der Liebe im Kontext seines jüdischen Erbes darstellte. Indem ich mir die Synagoge aus meiner Kindheit mit der Farbe Rosa wieder aneigne, möchte ich sie von einem bloßen Gotteshaus in ein vielschichtiges Designobjekt verwandeln, das viele Bedeutungsebenen bietet.

Es ist zwar nicht die allererste »Pink Synagogue« – es gibt eine in Barbados –, aber ich glaube, dass sie ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist, was das Judentum alles sein kann: ein vielschichtiger, komplexer und einzigartiger Ansatz, sich dem Leben zu nähern. Es ist kein Widerspruch zu den verschiedenen Facetten meiner Identität, sondern feiert sie vielmehr. Diese Vision greift die Idee auf, dass das Judentum, wie jede reichhaltige Tradition, eine ganze Bandbreite von Erfahrungen und Ausdrucksformen beherbergen kann und diese Vielfalt menschlichen Wissens eher feiert, anstatt es einzuschränken.

Diese Vision ist auch zutiefst inspiriert von einem Vers aus dem Zweiten Buch Samuel: »Leid ist mir um dich, mein Bruder Jonathan! Wie sehr warst du mir süß! Einzig war mir deine Liebe, mehr denn Liebe der Frauen!« Dieser Vers bringt die tiefen emotionalen und spirituellen Verbindungen auf den Punkt, die in mir nachklingen. Über seine genaue Bedeutung ist viel diskutiert worden, aber ich konzentriere mich weniger auf seine historische oder textliche Auslegung als vielmehr auf die Inspiration, die er mir bietet.

Das Leben seit dem 7. Oktober 2023 – eine Welt, die ich bisher nur aus der Geschichte kannte

Wenn ich diesen Vers betrachte und über Kameradschaft und Unterstützung nachdenke, komme ich nicht umhin, Verbindungen zwischen der Melancholie dieser Worte und der Realität herzustellen, in der viele Juden, mich eingeschlossen, seit dem 7. Oktober 2023 leben. Dies ist eine Welt, die ich bisher nur aus der Geschichte kannte. Theoretisch habe ich sie verstanden, aber bis jetzt nie wirklich erlebt. Wenn ich über diese harte Realität nachdenke, erinnere ich mich an meine alte Synagoge in meinem Dorf und daran, wie wichtig es war, einen sicheren Raum zu haben, in dem ich mein wahres Ich sein konnte. Eine »Pink Synagogue« könnte für viele von uns ein solcher inkludierender und einladender Ort sein.

Mit der Vorstellung dieses Konzepts möchte ich eine Diskussion über die Rolle von Design und Farbe in sakralen Räumen anstoßen. Die »Pink Synagogue« ist Traum und Realität zugleich, und ich hoffe, sie mit der Unterstützung einer Gemeinde, die den Blick in die Zukunft richtet, verwirklichen zu können. Ich freue mich auf eine Zeit, in der solche Räume Realität werden können und in der die Schnittmengen von persönlicher Geschichte und zeitgenössischem Design eine sinnvolle, integrative Umgebung für viele schaffen. Diese Vision versteht sich nicht als Kritik. Vielmehr geht es um die zahlreichen Facetten von Identität und einen Vorschlag, wie sich sakrale Räume entwickeln lassen.

Die Ausstellung »A Pink Shul« ist vom 13. September bis 16. November zu sehen.

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