Essay

Ein toxischer Cocktail

Ben Salomo war jahrelang feste Größe in der Hip-Hop-Szene. Nun gibt er erstmals Einblicke, warum Verschwörungsmythen bei Musikern wie Xavier Naidoo so weit verbreitet sind

von Ben Salomo  05.06.2020 15:16 Uhr

Jürgen Xavier Naidoo (l.) mahnt die »Jews of the World« auf Telegram: »Know when the Gig is over«. Foto: imago/Christian Ditsch

Ben Salomo war jahrelang feste Größe in der Hip-Hop-Szene. Nun gibt er erstmals Einblicke, warum Verschwörungsmythen bei Musikern wie Xavier Naidoo so weit verbreitet sind

von Ben Salomo  05.06.2020 15:16 Uhr

Was müssen Juden in diesem Land eigentlich noch alles ertragen? Die allerletzten Überlebenden des Holocaust weilen gerade noch unter uns (mögen sie leben bis 120!), ihre Narben aus der Schoa sind für uns noch sichtbar, die Traumata und die Erinnerungen auf der Seite der Nachfahren der Opfer – also in unseren Familien – sind noch sehr lebendig, während auf der Seite der Nachfahren der Täter zunehmend Stimmen lauter werden, die sich das Ende eines sogenannten Schuldkults wünschen, den es in Wahrheit nie gegeben hat.

Es sind die Stimmen der Ignoranz und der kaltherzigen Gleichgültigkeit, im Einklang mit den Stimmen derer, die fälschlicherweise der Meinung sind, dieses Land hätte seine dunkle Vergangenheit und den Völkermord an sechs Millionen Juden hinreichend aufgearbeitet, nur weil es neben dem Brandenburger Tor ein Holocaustmahnmal und vor den ehemaligen Hauseingängen der Entrechteten und Ermordeten ein paar Stolpersteine gibt.

GOLDKEHLCHEN Inzwischen kann jedoch umfassend belegt werden, dass die »Abwehr der Schoa im deutschen Erinnern« (wie der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn es ausdrückt) eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der deutschen Tätervergangenheit weitgehend verhindert hat.

Diese unbequeme Wahrheit wird nun umso vehementer von den Stimmen übertönt, die einen sogenannten Schlussstrich fordern, obwohl es eine familiäre Aufarbeitung der Gräueltaten von Opa und Uropa gesamtgesellschaftlich nie wirklich gegeben hat.

Es schmerzt mich zu sehen, welche Positionen Xavier, den ich verehrt habe, nun vertritt.

Zu diesen schamlosen Stimmen – Stichwort AfD, Stichwort Querfront, Stichwort Corona-Proteste – gesellt sich nun seit einigen Jahren eine exotische und besonders reichweitenstarke Stimme, deren verschwörungsmythologische Tiraden in den letzten Monaten einen Höchststand erreicht haben.

Es ist das ehemalige DSDS-Jury-Mitglied und Goldkehlchen der Nation: Xavier Naidoo. Der sehr klagefreudige, höchst umstrittene Sänger, aber wegen eines skandalösen Fehlurteils eines deutschen Gerichts nur noch strafbewehrt als Antisemit zu bezeichnende Herr Naidoo, nutzt seinen 70.000 Follower starken Telegram-Kanal als ideologischen Verstärker, der in seiner widerlichen Hetze und Propaganda seinesgleichen sucht.

In Künstlerkreisen, insbesondere in der Rap- und RnB-Szene, ist exzessiver Marihuanakonsum die Regel.

Es fällt mir schwer zu verstehen, und es tut mir weh zu sehen, wie der Ausnahmesänger Xavier Naidoo, den ich seit seinem Hit »Frei sein« mit Sabrina Setlur so gefeiert habe, mit dem ich mich durch Lieder wie »Führ mich ans Licht« oder »Dieser Weg« so verbunden gefühlt habe, wie dieser Xavier Naidoo sich derart radikalisieren konnte.

Als ich noch in der Hip-Hop-Szene war, hatten Xavier und ich einige gemeinsame Bekannte, unter anderem einen Produzenten, der mit uns beiden zu tun hatte und mir irgendwann erzählte, dass Xavier – das ist heute kein Geheimnis mehr und seit Langem öffentlich bekannt – im Studio Unmengen an Marihuana konsumieren würde.

Ich weiß nicht, ob das mit den »Unmengen« tatsächlich stimmt, aber in Künstlerkreisen, insbesondere in der Rap- und RnB-Szene, ist exzessiver Marihuanakonsum eigentlich die Regel.

Mit der Zeit schickte mir dieser Produzent auch irgendwelche Links zu diversen Verschwörungsdokus auf YouTube. In einigen dieser Dokus wurde zum Beispiel behauptet, dass Deutschland eine GmbH sei, die ihre Bürger lediglich als »Personal« betrachte. Als Argument für diese These wurde der deutsche »Personalausweis« herangezogen und erklärt, dieser würde das Angestelltenverhältnis zwischen Staat und Bürger schwarz auf weiß belegen. Schließlich heiße das Ding ja auch »Personalausweis« und eben nicht »Personenausweis«.

REICHSBÜRGER Die Menschen in diesen Filmen zerschnitten ihre Ausweisdokumente auf der Suche nach Mikrochips oder behaupteten, dass sich hinter den Sicherheitsmerkmalen ein geheimes okkultes Piktogramm des Satans verbergen würde. Damals hörte ich also das erste Mal von dieser »Reichsbürgerbewegung«, der Xavier Naidoo seit einigen Jahren so unverblümt nahesteht.

Ich weiß nicht genau, ob der oben genannte Produzent die Tipps zu diesen Dokus von Xavier direkt erhalten hat, denn in dieser Zeit kursierten unzählige solcher manipulativen Verschwörungsmythen in der Hip-Hop-Szene, und ein YouTube-Algorithmus sorgte für stetigen Nachschub. Wie oft habe ich von Rapkollegen gehört: 9/11 sei ein Inside-Job gewesen, es gebe die 13 satanischen Blutlinien, die »Flat-Earth-Theorie« sei eben keine absurde Theorie, sondern die Wahrheit.

Die Leute in der Rap-Szene zogen sich eine Menge dieser »Filmchen« rein und relaxten gleichzeitig bei einem abendlichen Joint. Das Ganze blieb aber nicht ohne Folgen, denn die Inhalte dieser Videos wurden für viele in der Szene mit der Zeit zum Mindstate. Ich konnte es bei meinen Kollegen, die teilweise auch sehr gute Freunde von mir waren, beobachten: Psychoaktive Drogen und manipulative Verschwörungsdokus sind ein toxischer Cocktail für den Verstand.

ROTHSCHILD Auch ich habe mir einige dieser Dokus angeschaut, doch mir fiel recht schnell auf, dass sie fast alle einen bestimmten gemeinsamen Nenner hatten, der mich stutzig machte. Denn egal, um welche Verschwörung es sich handelte, letztlich waren die Drahtzieher hinter all dem Bösen fast immer dieselben: die Rothschilds, die zionistische Lobby, jüdische Banker, jüdische Wissenschaftler, der Geheimdienst Mossad und natürlich Israel.

Mein kritischer Geist, der es vollkommen unlogisch findet, dass unsere komplexe Zivilisation seit Jahrhunderten von einer kleinen Elite im Verborgenen kontrolliert wird (egal ob jüdisch oder nicht), ließ sich von diesen Verschwörungsmythen nicht einlullen. Und zugegeben: Seit meinen Zwanzigern habe ich nur noch selten gekifft. Das war wohl auch ganz gut so.

Wenn man sich nun die jüngsten Aussagen und Posts auf dem Telegram-Kanal von Xavier Naidoo vor Augen führt, kann es einen nur noch schaudern. Es fällt deutlich auf, dass seine gesamte Wahrnehmung inzwischen bestimmt zu sein scheint von diversen Verschwörungsmythen und dem dazugehörigen wirren Weltbild.

Jüngst hat er damit begonnen, eine der widerwärtigsten Behauptungen zu reproduzieren, die es aus meiner jüdischen Sicht gibt: Auf Telegram behauptete er, dass die Juden Europas, also die Aschkenasim, keine echten Juden seien, sondern den »echten Juden« ihre Identität geraubt hätten.

ANGELA MERKEL Eine weitere Kostprobe aus der wirren Telegram-Welt des Xavier Naidoo: »Jews of the World, don’t make the same mistakes as Angela Merkel. Know when the Gig is over«. Meine Hände zittern, während ich das schreibe, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Gilt man in diesem Land etwa erst dann wieder als Antisemit, wenn man ein Parteibuch der NSDAP in der Brusttasche trägt und eigenhändig einen Juden vergast hat?

Meine Hände zittern, während ich das schreibe, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

Was erwartet uns Juden eigentlich noch in diesem Land, das in der Vergangenheit schon einmal einen bestialischen Völkermord an unseren Vorfahren vollzogen hat, wenn deutsche Gerichte von heute damit beginnen, den Kindern und Enkelkindern der Überlebenden dieses Völkermords das Vokabular zu rauben, mit dem sie die Antisemiten unserer Gegenwart als das bezeichnen können, was sie sind? Jemand muss mir das wirklich mal erklären.

RUCK Jetzt könnte man doch erwarten, dass endlich ein Ruck durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft geht, immerhin gab es nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle doch so viele schöne Reden, Kranzniederlegungen und Mahnwachen. Doch Fehlanzeige. Fernsehen und Radio bagatellisieren lieber Naidoos jüngste Ausfälle, und obwohl Xavier und der Attentäter von Halle in gewissen Punkten ähnliche Ansichten vertreten, bleiben die Solidarität und ein Aufschrei in der Bevölkerung aus. Nicht mal ein kleiner Hashtag wie #ShutUpXavier kommt in den sozialen Netzwerken zustande.

Besonders ohrenbetäubend empfinde ich hierbei das Schweigen vieler Kollegen aus der Schauspieler- und Musikerszene. Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, Moritz Bleibtreu, wo seid ihr? Sind alle eingeschüchtert und befürchten, von Xavier Naidoo verklagt zu werden?

Was auch immer der Grund für ihre Zurückhaltung ist, wir sehen es doch immer wieder: In Zeiten, wo es darauf ankommt, stehen wir Juden leider allein da.

Es hilft auch nicht, wenn wir bei Xavier Naidoo händeringend nach mildernden Umständen suchen, weil er ein gutes Herz hat und möglicherweise einfach zu viel geraucht hat. Denn seine Tiraden und Verschwörungstheorien werden in den sozialen Netzwerken hunderttausendfach geteilt und fallen inzwischen auf einen äußerst fruchtbaren Boden.

Dadurch wird Xavier Naidoo zu einem einflussreichen Multiplikator und geistigen Brandstifter, der den gesellschaftlichen Frieden in diesem Land elementar bedroht – eine große Gefahr, nicht nur für uns Juden.

Ben Salomo ist Begründer der Konzertreihe »Rap am Mittwoch« und Autor des Buches »Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens« (2019).

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