Eigentlich ist die Geschichte unspektakulär. Ein 1906 im Rheinland geborener Mann, der in den 1920er-Jahren ein erfolgreicher Werbegrafiker wurde, in den 30ern kurzzeitig Berufsverbot erhielt, sich dann aber dem Regime andiente, zieht nach seiner Zeit als Soldat bei der Wehrmacht irgendwann in das Örtchen Kleinmachnow nahe Berlin, wo er sich als freier Gestalter von Auftragswerbung in der DDR durchschlägt und 1996 verstirbt. Dennoch, und das zeigt der Historiker Andreas Möller mit seinem Buch sehr eindrücklich, steckt mehr in dieser Vita.
Denn es handelt sich um seinen Großvater Andreas Nießen, der fünf politische Systeme, zwei davon Diktaturen, er- und durchlebte. Und natürlich lebt das Buch von den ganz persönlichen Erinnerungen an einen Mann, der aus Sicht seines Enkels eher skurrile Rituale pflegte, beispielsweise jeden Tag nackt im Garten seine Sportübungen machte. Doch es geht in der Biografie keineswegs nur um schöne Kindheitserlebnisse in den Ferien bei Oma und Opa in Kleinmachnow.
Reformideen des Deutschen Werkbundes
Schließlich war der in der Weimarer Republik erfolgreiche Schriftgestalter und Werbezeichner, der den Reformideen des Deutschen Werkbundes nahestand, mit Ella Mayer verheiratet, einer Jüdin. Aus der Ehe ging auch ein gemeinsames Kind hervor, Eva. Zudem hatte Nießen eine Zeit lang für das jüdische Verlagshaus Mosse gearbeitet – allesamt keine guten Voraussetzungen für ein ruhiges Leben in den Jahren nach 1933. Bald gab es daher ein Berufsverbot.
Deshalb leitete Nießen die Scheidung von seiner jüdischen Frau ein, die mit der Tochter anschließend nach Amsterdam flüchten sollte. Auch kam es zum Kotau vor den Nazi-Behörden: »Dagegen habe ich schon in der ersten Zeit meiner Ehe rein gefühlsmäßig, durch das Verheiratetsein mit einer Jüdin und den dadurch entstandenen engeren Beziehungen zu Juden, die rassischen Gegensätze und die charakterliche Verschiedenheit empfunden«, heißt es plötzlich.
Und seine Karriere bei Mosse versuchte er kleinzureden, indem er einen Rausschmiss hervorhob. Der jüdische Direktor habe ihn nicht gemocht. Das Berufsverbot wurde aufgehoben.
Dann kam der Krieg, ganz schnell eine neue Gattin sowie drei weitere Kinder, eines davon die Mutter von Andreas Möller. In der DDR haperte es mit der Karriere des Großvaters etwas. Andreas Nießen zog mit seiner zweiten Familie nach Kleinmachnow, hielt sich als freier Gebrauchsgrafiker irgendwie über Wasser und pflegte in dem Dorf im Schatten der Mauer ein Leben möglichst abseits des Systems.
Aus Karrieregründen von seiner jüdischen Frau getrennt
Möller zieht in seinem Buch eine Parallele zu Heinz Rühmann – nicht nur, weil der prominente Schauspieler ebenso in Kleinmachnow gelebt hatte, sondern sich gleichfalls wie sein Großvater aus Karrieregründen von seiner jüdischen Frau trennte. Nießen hielt zwar Kontakt zur Exfrau und Tochter, was ihnen das Leben retten sollte, weil sie sich im Moment der Deportation anhand von Feldpostbriefen als deutsche Offiziersfrau ausgab. »Aber er thematisierte seine Mitschuld an der Lebenssituation seines ersten Kindes nie vor uns«, schreibt der Autor. »Über die Zeit zwischen 1933 und 1945 wurde geschwiegen«, heißt es weiter.
Wie die Schriftstellerin Christa Wolf und andere Intellektuelle in der DDR schuf sich Nießen in Kleinmachnow eine Nische, die er despektierlich als »Ghetto« bezeichnet haben soll.
In seiner Biografie verweist Möller auf die vielen Brüche, aber auch Kontinuitäten, wie die über alle politischen Systeme hinweg gepflegten Referenzen zu den deutschen Klassikern Goethe oder Bach und eine in den Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts angelegte Feindseligkeit gegenüber der Moderne, die ihm zu eigen war.
Das Fazit kann lauten: Andreas Nießen lebte ein sehr deutsches Leben, und zwar bis zum Schluss.
Andreas Möller: »Am Rande Berlins lebt die Intelligenz. Kleinmachnow, mein Großvater und die Reklame fürs Volk«. Matthes & Seitz, Berlin 2025, 298 S., 25 €