»Raum der Erinnerung«.

Ein Puzzle mit fehlenden Teilen

Nicht die übliche Schoa-Literatur: Marcel Cohens detektivischer Essa Foto: Edition Tiamat

»Raum der Erinnerung«.

Ein Puzzle mit fehlenden Teilen

Marcel Cohen versucht, sich an seine in der Schoa ermordete Familie zu erinnern

von Jakob Mühle  25.08.2014 18:34 Uhr

Sich zu erinnern, bedeutet, frühere Erfahrungen noch einmal zu durchleben und die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen zu lassen: der Gedanke an einen heißen Sommertag mit den Eltern am See, ein Blick auf vergilbte Fotos im Kreise der Familie.

Als Marcel Cohen, Sohn einer türkischstämmigen sefardischen Familie, am 14. August 1943 von einem gemeinsamen Spaziergang mit dem Hausmädchen Annette in die Pariser Wohnung seiner Großeltern zurückkehrte, musste er mit ansehen, wie seine Angehörigen von der Polizei auf einen Lastwagen verfrachtet und abtransportiert wurden. Ihre Spuren verloren sich zwischen 1943 und 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die allerletzte Erinnerung, die ihm von der Mutter geblieben ist, sind die kleinen energischen Handbewegungen, mit der sie das Dienstmädchen anwies, schnellstmöglich das Weite zu suchen. Cohen war damals fünfeinhalb Jahre alt. Er überlebte im Versteck, ausgestattet mit falschen Papieren.

Fundus Raum der Erinnerung. Tatsachen heißt das Buch, mit dem Cohen 2013 in das besetzte Paris der 40er-Jahre zurückgekehrt ist. Aus einem kleinen Fundus an Kindheitserinnerungen und einer Handvoll Episoden, die er nachträglich in Erfahrung bringen konnte, rekonstruiert der französische Schriftsteller acht lückenhafte Porträts seiner Familienmitglieder. Es ist alles, was ihm als Andenken an sie geblieben ist. Die Nazis ermordeten seine Eltern, seine Schwester, seine Großeltern väterlicherseits, zwei Onkel und eine Großcousine. Nur eine angeheiratete Tante überlebte.

Jetzt liegt in der Berliner Edition Tiamat die deutsche Übersetzung dieses intimen und einfühlsamen Werkes vor, das seinesgleichen in der Schoaliteratur sucht. Raum der Erinnerung ist Marcel Cohens Kampf gegen die eigene Entwurzelung. Er führt ihn in einfachen klaren Sätzen.

schemen Aus Respekt vor den Überlebenden und ihrem Unvermögen, das eigene Schweigen zu durchbrechen, bleiben Cohen zunächst nur schemenhafte Kindheitserinnerungen. Das cremeweiße Paar Lederhandschuhe und das schwarze Buch, welche seine Mutter Marie stets bei sich trug, um den gelben Stern auf ihrer Brust zu verdecken. Das feine Zickzackmuster der grauen Nadelstreifen am dreiteiligen Anzug seines Vaters Jacques. Die »stumme Gegenwart« des Großvaters Mercado in der Wohnung am Boulevard de Courcelles.

Später wird Raum der Erinnerung ergänzt durch Gegenstände der Familie, die sich mit der Zeit anfinden. Das silberne Armbändchen, das die Eltern zur Geburt seiner Schwester anfertigen ließen. In zierlichen Buchstaben stehen dort Name und Geburtsdatum eingraviert: Monique, geboren am 14.5.1943. Im Alter von acht Monaten wurde sie gemeinsam mit der Mutter deportiert. Eine Schwester, an deren Existenz Cohen keinerlei Erinnerung mehr hat, außer den strengen Worten, die der Vater am Tag ihrer Geburt an ihn richtete.

Zwei Fotos zeigen den Vater, wie er liebevoll über die Saiten einer Geige streicht. Ein befreundeter Musiker bestätigt: Anhand der Fingerstellung ließe sich erkennen, dass es sich um einen versierten Spieler gehandelt haben müsse. Kurze Zeit später findet ein Cousin die Geige in seinem Keller.

deutung Sorgfältig überprüft Cohen jeden Gegenstand und jede Anekdote auf ihre Aussagekraft, wiegt die Gültigkeit der Schlüsse ab, die er aus ihnen ziehen kann. Dieser bedächtige Umgang mit seinem begrenzten Quellenfundus gibt der Arbeit etwas Detektivisches. Auch der Leser wird sensibilisiert für das Deuten von Zeichen in diesem Raum der Erinnerungen. So wird Cohens Reise in die eigene Vergangenheit zu einer komplexen Sinneserfahrung. Ein wiedererkannter Geruch kann manchmal mehr Aussagekraft besitzen als ein Aktenzeichen. Eine Tante weist ihn darauf hin, dass er seit Jahren dasselbe Eau de Toilette benutzt wie sein Vater – ohne es gewusst zu haben.

Es ist gerade die Unvollständigkeit der Biografien, die Raum der Erinnerung zu einem einzigartigen Dokument macht. Seine Stärke liegt in dem, was Cohen nicht herauszufinden vermag. Ein Buch »aus Erinnerungen gemacht, und viel mehr noch aus Schweigen, aus Lücken, aus Vergessen«.

Primo Levi hat die Geschichte des Dritten Reiches einmal als »Krieg gegen das Erinnern« bezeichnet. Marcel Cohen beweist, wie sehr er damit recht hatte.

Marcel Cohen: »Raum der Erinnerung. Tatsachen«. Übersetzt von Richard Gross. Edition Tiamat, Berlin 2014, 160 S., 16 €

»Ladies First«

Darauf eine Minigurke

Rosamunde Pike und Sacha Baron Cohen spielen in einer Netflix-Komödie, die die Welt der Männer zeitweise mal auf den Kopf stellt

von Katrin Richter  05.06.2026

Berlin

»Tänzerinnen-Brunnen« für vier Millionen Euro versteigert

Erst kürzlich wurde der Brunnen als NS-Raubgut restituiert. Seit Ende der 70er-Jahre stand er im Georg Kolbe Museum

von Katrin Richter  05.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  04.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  04.06.2026

Frankfurt

Eher »OY« als »YO«

In »Mishpocha« thematisiert das Jüdische Museum Kernfamilie, Wahlverwandtschaft und popkulturelle Gemeinschaft in Bild und Sound

von Eugen El  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Musik

Barry Manilow: Comeback mit neuem Album und Videoclip aus Schönefeld

Der legendäre Sänger hat eine Lungenkrebs-Operation hinter sich und Angst um seine Stimme. Einige seiner neuen Lieder sind melancholisch ausgefallen

von Imanuel Marcus  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026