Comic

Ein Marrane im Eis

Es war einmal in der Neuen Welt Foto: Martinez & Brodhecker

Die Comicszene wird seit jeher durch jüdische Autoren geprägt. Eindrücklich zeigte das die »Superman und Golem«-Ausstellung in den Jüdischen Museen Frankfurt und Berlin vor einigen Jahren. Dort war auch ein Comic zu sehen, der damals noch im Rohbau steckte. Nun liegt der Band druckfrisch vor. Er heißt Das Tagebuch des Ricardo Castillo und stammt von dem Zeichner Alexis Martinez und dem Szenaristen Gunther Brodhecker aus Frankfurt. Wer regelmäßig die FAZ liest, wird die Geschichte bereits als Vorabdruck kennen.

québec Die Titelfigur Ricardo Castillo ist ein Marrane, ein sefardischer Jude, der im Spanien des 18. Jahrhunderts zum Christentum zwangskonvertiert wird. Die Taufe schützt ihn nicht vor einem Pogrom in seiner Heimatstadt Sevilla, bei dem Frau und Kind verbrennen. Castillo überlebt und flieht als Kartograf in die Neue Welt, nach Québec, ein Land voller Schnee und Eis, voller Abenteurer und Gangster, die einen Mund voll Kautabak ebenso schätzen wie ein Robbensteak-Barbecue.

Auch einen eingefrorenen Wikinger gibt es, der als Beweis für die frühere Entdeckung des Kontinents durch die Nordmänner dienen soll. Doch leider macht sich das aufgetaute Beweisstück schnurstracks aus dem Staub. Auch die Entdeckung der Nordwest-Passage verläuft nicht so, wie Castillo sich das ausgemalt hat. Selbst von seinem Judentum, das Castillo in der Alten Welt zurücklassen wollte, wird er eingeholt, weil sich Geschichte, wie man weiß, wiederholt.

Gezeichnet ist Das Tagebuch des Ricardo Castillo im »Ligne claire«-Stil, den man von Hergés Klassiker Tim und Struppi kennt. »Der Strich verwandelt jeden noch so erwachsenen Leser wieder in ein Kind«, schwärmen Martinez/Brodhecker im Vorwort. Ob kleine oder große Kinder – sie alle lieben nun mal Abenteuergeschichten.

Alexis Martinez & Gunther Brodhecker: »Das Tagebuch des Ricardo Castillo«. Martinez & Brodhecker, Frankfurt/Main 2013, 48 S., 20 €

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richer  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Geburtstag

Wider die Gedankenlosigkeit: Wolf Biermann wird 90

Als junger Mensch war für ihn die DDR das bessere Deutschland. Doch bald wurde Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann ihr schärfster Kritiker. Auch nach der Ausbürgerung blieb er ein wacher und kritischer Geist. Am 15. November wird er 90

von Thomas Bickelhaupt  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  05.11.2026

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026