Literatur

Ein Funke Hoffnung

»Nunmehr droht das Versickern in die Gleichgültigkeit«: der Schriftsteller Rafael Seligmann (77) Foto: Daniel Biskup

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Ein Funke Hoffnung

Rafael Seligmann hält Deutschland derzeit nicht für den richtigen Ort einer Renaissance jüdischen Lebens. Trotzdem gibt er die Vision nicht auf. Ein Auszug aus dem neuen Buch unseres Autors

von Rafael Seligmann  15.09.2025 10:17 Uhr

Im Sommer 2023 war Christian Kullmann mein Dialogpartner im Ichenhauser Synagogengespräch. Zuvor schritten wir über den jüdischen Gottesacker. Ich zeigte Christian die Gräber meiner Vorfahren. Nach alter Sitte legten wir Steine an den Ruhestätten ab.

Am Ende unseres Ganges gelangten wir an drei Gräber, deren Pylone mit roten Dreiecken markiert waren. Hier ruhen die sterblichen Überreste von Arbeitssklaven aus KZ-Außenlagern der Umgebung, die im März und April 1945 an Hunger und Erschöpfung gestorben waren. Tage vor der Befreiung.

Christian stand stumm vor einem Grab. Er wüsste nicht, ob er es als Jude fertigbringen würde, zu verzeihen. »Wer das nicht fertigbringt, sollte nicht als Jude in Deutschland leben«, entgegnete ich.

In knapp 70 Jahren in Deutschland haben mich immer wieder Ausbrüche von Judenhass verletzt. Doch auf Dauer zermürbender waren Gleichgültigkeit, Opportunismus, Gedankenlosigkeit – am ärgsten: mangelndes Mitleid.

Permanente Abwehrhaltung, psychischer Ausnahmezustand

Das Desinteresse, die Teilnahmslosigkeit und der fehlende Beistand der Mehrheitsgesellschaft haben ihren Tribut von mir ebenso wie von den anderen Juden hierzulande gefordert. Dadurch wird man als Jude in Deutschland zu einer permanenten Abwehrhaltung, einem psychischen Ausnahmezustand veranlasst. Das sollte dauerhaft niemandem zugemutet werden.

Ich habe im Laufe der Zeit stets neue Allheilmittel gegen Judenfeindschaft ersonnen. Als Jugendlicher wollte ich glauben, dass die Nazis und alte Antisemiten allmählich aussterben und damit das Problem des Antisemitismus sich auf natürliche Weise erledigen würde.

Ein Fehlgedanke, denn Judenfeinde gab es bereits lange vor den Nazis. Es wird auch nach dem Ende der gegenwärtigen Antisemiten, Antizionisten und Anti-der-Teufel-weiß-was Judenhasser geben. Sie wachsen nach wie Pilze im Herbst. Die gegenwärtige Eskalation des Antisemitismus hat sich aus dem gegenseitigen Aufschaukeln der althergebrachten Judenfeindschaft mit dem importierten religiösen Islamismus sowie der Ideologie des Antizionismus ergeben.

Desinteresse, Teilnahmslosigkeit und fehlender Beistand haben ihren Tribut gefordert.

In Deutschland und den liberalen westlichen Demokratien ist die islamistische Judenfeindschaft besonders dynamisch. Die Neonazis können in Ruhe zusehen, wie die islamistischen Judenfeinde die schmutzige Arbeit verrichten, ohne dass ihnen wirksamer Widerstand entgegenschlägt.

Nicht weil Gesetze und Institutionen, etwa den »Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus«, die passenden Strategien fehlten, sondern weil es zu wenige aktive Zeitgenossen gibt, die sich für ihre »jüdischen Mitbürger« einsetzen, da sie begreifen, dass es nicht nur um die Hebräer an sich geht, sondern um die Freiheit und Menschenwürde der Gesellschaft, speziell in Deutschland. Auf diese Weise soll die Identität unseres Landes allen Anfeindungen zum Trotz gefestigt werden. Einstweilen ist die Widerstandskraft der Humanisten noch zu klein.

Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass Deutschland trotz vieler Beispiele von Anstand – sie bleiben dennoch zu wenige – gegenwärtig nicht der richtige Ort für eine Renaissance jüdischen Lebens ist.

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Entscheidend bleibt die träge Haltung der Bevölkerungsmehrheit. Liebe und Verstand lassen sich nicht verordnen. Die geschilderte Grundsituation entstand nicht wegen des einstigen Menschheitsverbrechens und seiner Hinnahme. Die Untaten lassen sich nicht »wiedergutmachen«. Verantwortlich sind die Lethargie und die teilweise Unbarmherzigkeit vieler. Appelle zur Menschlichkeit reichen nicht aus.

Solidarität der Mehrheitsgesellschaft

Obgleich ich hier eine gute Ausbildung genoss und später Anerkennung fand, wollte ich daher wiederholt Deutschland verlassen. Doch stets standen mir Menschen zur Seite, vor allem meine Frau und meine Freunde. Um in Deutschland ein menschenwürdiges Leben führen zu können, braucht es jedoch die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft.

Gebt endlich eure Zuschauerrolle auf! Ebenso wie nichtssagende Reden und leere Versprechungen. Begreift, dass das Judentum Teil eurer deutschen Gesellschaft und Geschichte ist, auch der christlichen Religion!

Es geht nicht nur um die Hebräer, sondern um Freiheit und Menschenwürde.

Nur wenn ihr euch dafür engagiert, ergibt eine Fortsetzung des deutsch-jüdischen Miteinanders Sinn. Fehlen das Bewusstsein und der Wille zum Zusammenwirken, dann lasst uns die 1700-jährige deutsch-jüdische Geschichte beenden. Der Brudermord liegt mehr als 80 Jahre zurück. Nunmehr droht das Versickern in die Gleichgültigkeit. Nicht nur gegenüber den Juden, sondern gegenüber jedem Menschen.

Nehmt die Gelegenheit zu einem menschlichen Miteinander mit aller Ernsthaftigkeit und Chuzpe wahr. Solange die allgemeine Freiheit besteht.

Das Buch erscheint am 15. September 2025. Rafael Seligmann: »Keine Schonzeit für Juden – Die Antwort eines Betroffenen«. Herder, Freiburg 2025, 192 S., 18 €

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