Kunstfund

»Ein Fall von Massenraubmord«

Rund 1500 als verschollen geltende Werke der klassischen Moderne hatte ein 80-jähriger Münchener, Sohn eines bekannten Kunsthändlers, in seiner Wohnung gehortet. Der Fall wurde jetzt durch Recherchen des Magazins Focus bekannt, nachdem die Zollfahndung bereits vor mehr als zwei Jahren, im Frühjahr 2011, auf den Kunstschatz gestoßen war, zu dem Werke von Picasso, Matisse, Chagall, Nolde, Marc, Beckmann und Liebermann zählen.

Die Arbeiten stammen offenbar aus den Beschlagnahmungen »entarteter Kunst« durch die Nazis. Rund 200 der Bilder, so Schätzungen von Experten, finden sich auf Listen sogenannter »verlorener« Kunst, die in der Regel aus geraubtem Besitz jüdischer Eigentümer stammt.

Für Dieter Graumann »macht der sensationelle Fund wieder einmal sehr deutlich: Der Holocaust war nicht nur Massenmord, sondern auch Massenraubmord«. Die nun entdeckten Kunstwerke seien stille Zeugen der schrecklichen Ungerechtigkeit der damaligen Zeit, in der Enteignung, Beraubung von und Hass gegenüber jüdischen Menschen zur Tagesordnung gehörten, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland der Jüdischen Allgemeinen.

restitution Es werde, so Graumann weiter, vermutlich sehr schwierig werden, die Reise, die diese Gemälde hinter sich haben, in jedem Fall genau zu rekonstruieren und die rechtmäßigen Besitzer oder deren Nachkommen ausfindig zu machen. Eine sorgfältige Recherche sei jetzt aber unbedingt erforderlich.

Dabei sollte man sich den Grundsätzen der Washingtoner Konferenz verpflichtet fühlen, wie auch auf den Sachverstand zurückgreifen, der bereits durch andere Restitutionsfälle entstanden ist, beispielsweise durch die Limbach-Kommission. Graumanns Fazit: »Auch wenn die Suche nach den ursprünglichen Eigentümern sehr lange dauern mag, sie lohnt sich allemal: Späte Gerechtigkeit ist besser als gar keine.«

claims conference Auch die Jewish Claims Conference nahm zu dem Münchner Fund Stellung. Rüdiger Mahlo, der Deutschland-Repräsentant der 1951 gegründeten Organisation, die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus vertritt, erklärte, der Fall und der behördliche Umgang mit den aufgefundenen Kunstwerken schienen »symptomatisch für den Umgang mit NS-Raubkunst zu sein«.

Die Tatsache, dass die Nachricht des Fundes aus dem Jahr 2011 erst heute an die Öffentlichkeit dringe, so Mahlo, »unterstreicht, dass mangelnde Transparenz eine häufige Begleiterscheinung der Restitution von Kunst- und Kulturgütern ist. Damit Teile der aufgefundenen Kunstwerke zumindest noch an einige der ursprünglichen Eigentümer restituiert werden können, ist in Anbetracht ihres fortgeschrittenen Alters höchste Eile geboten«.

Die unrühmliche Rolle, die große Teile des Kunsthandels während des Nationalsozialismus gespielt hätten, erläuterte Rüdiger Mahlo, solle den heutigen Vertretern des Gewerbes hinreichend Anlass geben, die Provenienzen von Kunstobjekten genauestens zu prüfen. »Nur durch klare Versäumnisse im Bereich der Provenienzforschung konnte der Erbe jenes Kunsthändlers, der massiv in den NS-Kunstraub und seine Verwertung verstrickt war, seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Raubkunst bestreiten.« ja

Lesen Sie mehr dazu in der am Donnerstag erscheinenden Print-Ausgabe.

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026

Berlin

»Du, lass dich nicht verhärten«: Wolf Biermanns beste Lieder

Der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher ist der vielleicht deutsch-deutscheste seiner Zunft. Am Freitag erscheint ein neues Album im Rückblick auf sein Werk

von Verena Schmitt-Roschmann  07.09.2026

Tel Aviv

Immer mehr Ärzte verlassen Israel – fast 1400 Mediziner gehen ins Ausland

Der sogenannte »brain drain« könnte langfristig erhebliche Folgen für das israelische Gesundheitssystem haben

 07.09.2026

New York

Art Garfunkel: »Ich bin ein Sänger«

Der legendäre Künstler spricht über Rastlosigkeit, Versöhnung und ein spätes zweites Leben auf der Bühne

 07.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  06.09.2026

Exklusiv-Interview

»Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor Götz Aly über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  06.09.2026

Kulturkolumne

Auf Eis gelegt

Warum wir die Debatte um Frauengesundheit endlich anheizen sollten

von Laura Cazés  06.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Das süße Jahr oder Ein neues Kleid für Rosch Haschana

von Nicole Dreyfus  06.09.2026

Aufgegabelt

Cottage Cheese Pancakes mit Füllung

Rezepte und Leckeres

 06.09.2026