Redezeit

»Ein Bewusstsein schaffen«

Emanuel Rotstein Foto: PR/HISTORY/Getty/Reuter

Redezeit

»Ein Bewusstsein schaffen«

Emanuel Rotstein über die Doku »Guardians of Heritage – Hüter der Geschichte«, eine Reise nach Lodz und seine Familie

von Katrin Richter  27.12.2017 16:33 Uhr

Herr Rotstein, Sie haben die dreiteilige Dokumentation »Guardians of Heritage – Hüter der Geschichte« produziert. Was war für Sie das ausschlaggebende Moment, diese Doku zu drehen?
Die Zerstörung der Kulturgüter im Nahen Osten, die ich schon seit einiger Zeit medial begleite, und vor allem die Aufmerksamkeit, die die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates damit generieren, die Frage, welche Auswirkungen das auf die westliche Welt hat, hat mich fasziniert und mich zu der Frage bewogen: Ist das ein neues Phänomen oder haben wir es bei der Zerstörung von Kultur und dem gewaltsamen Umschreiben von Geschichte mit einem alten Phänomen zu tun? Was passiert, wenn Kultur und Bauwerke mutwillig zerstört werden? Wie wirkt sich das auf die Menschen aus, und wie führen sich diese Traumata über Generationen fort?

Sind Sie zu einer Antwort gekommen?

Ja. Es ist in der Menschheitsgeschichte ein immer wiederkehrendes Drehbuch, in dem das greifbare Kulturgut, das von Menschen erschaffen wurde, zerstört wird. Die Zerstörung von Kultur, Geschichte, Bräuchen und Traditionen ist der verlängerte Arm der Vernichtung von Menschen.

Das klingt wenig hoffnungsvoll.

Ja, allerdings haben während der Produktion zu der Dokumentation sehr viele Menschen getroffen, die sich für den Erhalt von Geschichte eingesetzt haben. Sie kämpfen dafür mit Leib und Leben und zeigen, was es bewirken kann, wenn man sich mit Geschichte auseinandersetzt. Das hat uns doch schon hoffnungsvoller gestimmt. Denn der kritische Umgang mit Geschichte eröffnet uns die Möglichkeit, besser gewappnet in die Zukunft zu gehen. Wir werden mit der Dokumentation bestimmt keine Zerstörung aufhalten, aber wir können ein Bewusstsein dafür schaffen, was die Zerstörung von Kultur und der Kampf gegen die Geschichte anrichten können.

Sie haben für die Doku bekannte Schauspieler wie Clemens Schick oder Ulrike Folkerts gewinnen können. Christian Berkel haben Sie auf den Spuren seiner Familie nach Lodz begleitet. Hat er dem Projekt gleich zugestimmt?
Es war wirklich eine glückliche Fügung. Ich hatte Christian Berkel angeschrieben und gefragt, ob er mit mir nach Jerusalem fahren würde, um sich mit dem Kampf um kulturelle Deutungshoheit in Israel zu beschäftigen. Mein Schreiben kam, wie er mir sagte, zum richtigen Zeitpunkt, denn er wollte schon immer nach Israel, hat aber nie die Gelegenheit gefunden, dies zu tun und sich seinem eigenen kulturellen Erbe zu stellen. Denn als Sohn einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters war das Judentum immer präsent in seinem Leben. Er hatte nur nicht die Möglichkeit, an den Ort seiner Wurzeln zurückzukehren.

Sie waren mit ihm zum einen in Jerusalem, zum anderen in Lodz. Zwei ganz unterschiedliche Reisen. Wie erinnern Sie sich daran?

Nachdem wir in Jerusalem waren, fragte Christian mich, ob wir nicht noch einen Schritt weiter in seiner Biografie gehen und sich in Lodz seiner Familie widmen wollen. Denn seine Großmutter Isa wurde dort geboren. Er wusste wenig über diesen Teil der Familie. Über Geschichte wurde, erläuterte er mir, in seinem Elternhaus wenig gesprochen. Sie wurde weggesperrt. Diese Konfrontation mit der eigenen Geschichte, mit dem Wissen, was mit seinen Urgroßeltern passierte, das hat ihn sehr bewegt. Es waren sehr intensive Tage in Lodz, die mich auch meiner eigenen Familiengeschichte nähergebracht haben.

Inwiefern?

Ich erzählte meinen Eltern, dass ich in Lodz war. Plötzlich sagte mein Vater zu mir: Weißt du eigentlich, dass deine Familie komplett aus dieser Stadt kommt? Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass wir uns in unserer eigenen Familie gar nicht mit der Geschichte auseinandergesetzt hatten. Über die Biografie der Urgroßeltern, der Familie, die in der Schoa umgekommen ist, darüber hat mein Vater nie gesprochen. Ungewollt war es also auch eine Reise zu meinen eigenen Wurzeln.

Werden Sie mit diesem Wissen noch einmal nach Lodz zurückkehren?
Ich denke schon. Bei meinen Eltern hängt ein Bild meiner Urgroßeltern. Mein Vater wusste nicht einmal, wie sein Großvater hieß. Mit diesem Wissen werde ich also nach Lodz fahren, um auch deren Geschichte zu erforschen.

Es waren sehr intensive Drehtage in Lodz. Wie haben Sie die verarbeitet?
Ich glaube, ich habe sie immer noch nicht ganz verarbeitet. Wir tauschen uns ganz oft darüber aus. Christian Berkel schreibt gerade ein Buch über seine Geschichte und verarbeitet sie darin. Denn wenn ein Mensch erfährt, was seiner Familie zugestoßen ist, dann berührt es ihn auf ganz vielfältige Weise und zeigt, wie präsent Geschichte ist.

Ein Satz, der in der Doku immer wieder erwähnt wird, lautet: Ohne Vergangenheit keine Zukunft. Viele Menschen wollen die Vergangenheit am liebsten abhaken. Wie kann man denen entgegentreten?
In den sozialen Medien gibt es zwei Lager: Das eine sagt: Es ist genug, Geschichte ist ein Ballast, den wir loswerden müssen. Das andere – und das ist wohl eher der Großteil der Menschen – sagt: Wir müssen uns kritisch mit unserer Geschichte auseinandersetzen, um voranzugehen. Menschen, die sich nicht mit der Geschichte befassen, machen dies entweder aus Unwissen oder aus Boshaftigkeit. Die, die einfach nicht den Zugang zu Wissen haben, die können wir erreichen – mit persönlichen Geschichten, mit Zeitzeugen und Fakten. Diese Gruppe gilt es zu stärken. Den Kampf um Wissen und historisches Bewusstsein sollten wir jedoch in keinem Fall aufgeben.

Mit dem Produzenten und Autor sprach Katrin Richter.

Die drei Teile der Doku »Guardians of Heritage – Hüter der Geschichte« werden am 7. Januar ab 16.35 Uhr auf dem
TV-Sender HISTORY gezeigt.

Am 21. Januar sind zwei Teile der Dokumentation im Rahmen der 9. Jüdischen Filmtage im Jüdischen Gemeindezentrum München im Beisein von Charlotte Knobloch, Emanuel Rotstein, Christian Berkel und Christian Ude zu sehen.

www.history.de/sendungen/guardians-of-heritage-hueter-der-geschichte/sendung.html

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