Essay

Diese Russen

In einem Wohnheim für russisch-jüdische Zuwanderer, Köln 1996 Foto: Herby Sachs / version

Und dann waren wir da: diese Russen. Man sagte das so, die Russen, obwohl wir nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine, Moldawien, Georgien und manch anderen Ländern kamen und auf diese Unterschiede viel Wert leg(t)en.

Mehr noch: Wir kamen, weil wir Juden waren, auch wenn das – das ist ja bekannt – nicht für alle galt. Ja, wir brachten auch unsere Familienangehörigen mit, die zum Teil nicht jüdisch im halachischen Sinne waren, aber umso häufiger die schlimmste Nebenwirkung der Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm kannten: den Antisemitismus.

Väter Gerade die Nachfahren jüdischer Väter, die den jüdischen Nachnamen trugen, Grinblum, Weinblat und Stern, hatten den staatlich verordneten und persönlichen Antisemitismus in der Heimat, der ehemaligen Sowjetunion, an der eigenen Haut zu spüren bekommen: wenn sie nicht studieren durften, nicht die Karriereleiter hinaufklettern durften, wenn sie zu hören bekamen, an irgendetwas seien die Juden schon wieder schuld. Nun waren wir da, und aus den Juden, als die wir in die Züge gestiegen waren, waren über Nacht Russen geworden, auch wenn die Züge aus der Ukraine ankamen.

Und dann waren sie da: diese Russen. Die, von denen man sich erhofft hatte, dass sie die jüdischen Gemeinden wieder erblühen lassen. Es lag dem ganzen Prozedere die absurde und leicht größenwahnsinnige Hoffnung zugrunde, Geschichte ließe sich übermalen mit schönen bunten Farben.

Die Vorstellung, dass die jüdischen Gemeinden wieder erblühten, war aus bundesrepublikanischer Sicht ein farbenfrohes Versprechen.

Man erinnerte sich gerne an die 20er-Jahre, an blühendes jüdisches Leben, an große Kulturträger und eine Selbstverständlichkeit des deutsch-jüdischen Lebens, die damals schon nicht ganz selbstverständlich war. Man erinnerte sich nicht so gerne an die Jahre, die danach kamen, man erinnerte sich zumindest teils mit großen Erinnerungslücken.

Die Vorstellung, dass die jüdischen Gemeinden wieder erblühten, war aus bundesrepublikanischer Sicht ein farbenfrohes Versprechen. Aus Sicht der jüdischen, aussterbenden Gemeinden ebenfalls die Vorfreude auf das Wiederaufleben: gefüllte Gottesdienste, aufgebaute Gemeinden, junge Juden, die für Wirbel sorgen.

SPRACHE Und dann waren sie da: Sprachen zum großen Teil kein Wort der deutschen Sprache, betraten zum großen Teil zum ersten Mal einen Gottesdienst in einer Synagoge. Schlugen die Gebetbücher von der linken Seite her auf und wieder zu, weil sie die hebräischen Zeichen nicht verstanden, tuschelten in russischer Sprache inmitten wichtigster Gebete, fragten nach Hilfen für dieses, für jenes, feierten in den Gemeindesälen den 9. Mai, den Tag, an dem die glorreiche Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg über Hitler siegte. Das sollten Juden sein? Man schüttelte erst enttäuscht, dann entrüstet den Kopf.

Es lag eine leicht größenwahnsinnige Hoffnung zugrunde.

Seitdem sind 30 Jahre vergangen, über 200.000 Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sind als Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik eingewandert. Mittelgroße Städte, die teils nur zehn Gemeindemitglieder gezählt hatten, haben jetzt Angebote für alle Altersgruppen: vom Kindergarten zum Seniorentanz, von Theatergruppen zu Tora-Studierenden.

Erfahrungen Da sind Leben, Geschichte, Opfer- und Schmerzerfahrungen, Definitionen von Judentum aufeinandergeprallt, da sind Kämpfe entstanden, die sich in Gemeindewahlen widerspiegelten, da wurde gefochten, gestritten, sich gewundert, da wurden Köpfe geschüttelt, wahrscheinlich sogar Tränen geweint, kurzum: Da ist das Leben geschehen. Das blühende Leben, eben alles, was zum Leben gehört.

Wir kennen das von dem Glück, Kinder zu bekommen und zu haben: das blühende Leben, das erste Lächeln, diese wackeligen kleinen Schritte, die unvergesslichen ersten Fragen, in denen die Weltordnung durcheinandergerät, und das Gegenteil davon. Die durchgeschriebenen Nächte, die Urlaube, in denen man das Zuhause samt Kinderbetreuung vermisst, später von wütenden Teenagern zugeschlagene Türen. Alles, was das Leben eben bringt.

REGENBOGENFARBEN Das jüdische Leben in Deutschland ist erblüht, es blüht womöglich nicht wie vorgesehen. Es gibt wieder jüdische Kultur in den Gemeinden wie in der nichtjüdischen Öffentlichkeit, Künstler jeder Sparte, Kulturtage, jüdische Kindergärten und Schulen, an Hohen Feiertagen gar überfüllte Gottesdienste (in denen immer noch in russischer Sprache getuschelt wird), es gibt das, was das Jüdische nicht zuletzt ausmacht: die Lust am Disput, unterschiedliche Gruppierungen, Vorstellungen, religiöse Strömungen und Politiken.

Es gibt Juden, die in ihrer Heimat den Begriff »koscher« nicht kannten, und nun die Kaschrut-Regeln aller Veranstaltungen überprüfen, und es gibt jene, die deshalb in die Gemeinden gehen, um Freunde und Bekannte zu sehen, auch um ihre Muttersprache, das Russische, zu hören, einfach, um unter Juden zu sein. Das ist es, das jüdische, blühende Leben, das in allen Regenbogenfarben strahlt. Und nicht nur in jenen, die man meinte zu säen.

Von Lena Gorelik erschien zuletzt der Roman »Mehr Schwarz als Lila« (2017).

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime gewaltsam begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026