Hommage

Die schönen, bösen Lieder

Georg Kreisler Foto: dpa

Mein erstes Georg-Kreisler-Lied habe ich mit 14 gehört. Der große Bruder eines Klassenkameraden hatte eine Langspielplatte des damals in Deutschland noch weithin unbekannten Wiener Satirikers, die wir, wenn er weg war, stibitzten und abspielten. Fasziniert war ich vor allem von einem Song. Nein, nicht Taubenvergiften im Park. Mein Kreisler-Lieblingslied war (und ist bis heute) Der Staatsbeamte. Wegen des Refrains, in dem gleich dreimal hintereinander das Wort »Arsch« fällt. In den unschuldigen 60er-Jahren kam das einem sittlichen Skandal gleich, weshalb dieses und viele andere Lieder Kreislers nicht im Radio gespielt werden durften.

onkel joschi Später lernte ich an der Uni eine österreichische Kommilitonin kennen, die neben vielen anderen Vorzügen auch sämtliche Kreisler-Platten besaß. Dank ihr machte ich Bekanntschaft mit seinen Nichtarischen Arien. Dass der Mann Jude war, hatte ich bis dahin nicht gewusst. Obwohl, vermutet schon. Lieder, die witzig, bösartig, intelligent und auch noch unterhaltsam sind – wer im deutschen Sprachraum kann so was außer unseren Leuten?

Mein Favorit unter Kreislers jüdischen Liedern ist die Ballade vom Onkel Joschi. Joschi ist das, was man jiddisch einen Schlemiehl nennt, einen Narren. Und wie viele Narren ist er auch ein weiser Mann:
Einmal hab ich eingeladen meinen Chef, den Kohn./Schließlich will ich weiterkommen – no, sie wissen schon./Der Moskowitz war auch bei uns, nur meinem Chef zulieb‘/Weil der hat in Norditalien einen Großbetrieb./Plötzlich kommt der Onkel Joschi bei der Tür herein,/Sagt zu meinem Chef sofort: »Was, Sie sind da, Sie Schwein?«/Dreht sich dann zum Moskowitz und sagt zu ihm ganz glatt:/»Sind Sie nicht der Moskowitz, der Steuerschulden hat?«

Der Erzähler wird gefeuert und macht sich notgedrungen selbstständig.
Mein Chef ging bald drauf pleite, wie das schon damals woar./Der Moskowitz ist eingesperrt und sitzt schon sieben Joar./Nur mein Geschäft geht glänzend, ich verdien und ich florier./Und schuld ist Onkel Joschi, und der kann nix dafir.

Immer wenn ich eine Frau neu kennenlernte und sie zum ersten Mal in meiner Wohnung war, habe ich ihr dieses und andere Kreisler-Lieder vorgespielt. Konnte sie damit nichts anfangen, war abzusehen, dass aus uns beiden nichts werden würde.

An diesem Mittwoch, den 18. Juli, wäre Georg Kreisler 90 geworden. Er hat seinen Geburtstag nicht mehr erlebt. Am 22. November 2011 ist er gestorben. Seither geht mir die Melodie seines Lieds »Wie schön wäre Wien ohne Wiener« nicht mehr aus dem Kopf. Mit verändertem Titel: Wie fad ist die Welt ohne Kreisler.

Link zu Onkel Joschi: www.youtube.com/watch?v=wol35PDN460

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026