Medizin

Die Frucht der Götter

Lecker und gesund: der Granatapfel Foto: Getty Images

Medizin

Die Frucht der Götter

Israelische Forscher entdecken das Potenzial des Granatapfels in der Behandlung von Multipler Sklerose

von Ralf Balke  02.07.2020 11:03 Uhr

Er steht für Fruchtbarkeit, Anmut oder Macht: Der Granatapfel hat seit Jahrtausenden eine vielfältige symbolische Bedeutung. Aber der Granatapfel ist auch schmackhaft. Und dass sein Fleisch und Saft aufgrund der hohen Konzentration von Vitaminen und Antioxidantien darüber hinaus gut für das Immunsystem sind, den Cholesterinspiegel senken sowie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, ist ebenfalls bekannt.

Nun haben Wissenschaftler in Israel herausgefunden, welches Potenzial noch im Granatapfel schlummert, und zwar bei der Behandlung von Patienten, die an Multipler Sklerose (MS) leiden. In einer Studie hatten sie einer Gruppe von 30 Personen, die an MS erkrankt waren, ein nanotechnologisch hergestelltes Nahrungsergänzungsmittel verabreicht, das aus dem Öl des Samens von Granatäpfeln gewonnen wurde.

VERBESSERUNGEN »Nach bereits drei Monaten konnten wir signifikante kognitive Verbesserungen beobachten«, berichtet Dimitrios Karussis, Direktor des MS-Zentrums am Hadassah-Krankenhaus in Ein Kerem. »Die Behandlung führte zu einer Steigerung der Lernfähigkeit, des Textverständnisses sowie des Worterinnerungsvermögens um zwölf Prozent. In manchen Fällen konnten sogar zwischen 20 und 30 Prozent erreicht werden.«

Es wurden kognitive Verbesserungen um zwölf bis 30 Prozent erzielt.

Das Nahrungsergänzungsmittel wurde von Ruth Gabizon, einer Spezialistin für degenerative Gehirnerkrankungen in der neurologischen Abteilung des Hadassah, und von Shlomo Magdassi, einem Experten auf dem Gebiet der Nanotechnologie am Casali-Institut für Angewandte Chemie der Hebräischen Universität konzipiert. Es zeichnet sich durch eine hohe Konzentration der ungesättigten Fettsäure Punicin aus, besser bekannt als Omega 5, das als eines der wirkungsvollsten Antioxidantien überhaupt gilt. Diese dienen dem Schutz von Gehirn- und Körperzellen. Vor allem findet man sie in Cranberrys, Blaubeeren, Bohnen, Pekannüssen und Artischocken.

BLUT-HIRN-SCHRANKE Doch die Konzentration der durch die Nahrung aufgenommenen Antioxidantien reicht nicht aus, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Oder sie werden bereits im Verdauungssystem abgebaut und schaffen nie den Weg ins Gehirn oder zu anderen Zellen.

Mithilfe der Nanotechnologie ist es Gabizon und Magdassi nun gelungen, Granatapfelöl in derart winzige Partikel zu verkleinern, dass sie ungehindert von der Filtertätigkeit der Leber ins Gehirn gelangen können. Das von ihnen unter dem Namen GranaGard entwickelte Produkt wurde zuerst erfolgreich an Mäusen getestet, dann an Menschen. Dabei wurden die Probanden in zwei Gruppen zu je 15 Personen aufgeteilt, wobei die eine das nanotechnisch hergestellte Omega-5-Säuren-Nahrungsergänzungsmittel zu sich nahm und die andere nur ein Placebo. Die Studie war eine Doppelblindstudie. Das bedeutet, dass weder Ärzte noch Patienten wussten, wer was erhalten hatte.

Die Versuchspersonen befanden sich in einem bereits fortgeschritten Stadium der Krankheit. »Es waren Patienten, die schon eine erhebliche neurologische Beeinträchtigung aufwiesen«, erklärt Karussis. »Die meisten litten seit über zehn Jahren an Multipler Sklerose.« Zu den gängigen Symptomen gehören Blindheit und Muskelschwäche. Mehr als die Hälfte aller Fälle entwickelt zudem Probleme mit der Verarbeitung von Informationen, dem Gedächtnis sowie der visuellen Wahrnehmung. Doch die meisten Therapieansätze verbessern lediglich die motorischen und sensorischen Fähigkeiten. »Der Degenerationsprozess, der durch das Absterben von Nervenzellen verursacht wird, bleibt eher außen vor«, so Karussis. »Um das zu vermeiden, kommen die Antioxidantien ins Spiel.«

NANOTECHNIK Bis dato stand ihnen die Blut-Hirn-Schranke im Wege. Diese Hürde konnte Gabizon nun nehmen. Sie selbst hatte sich in ihrer Forschung seit Jahren der ebenfalls neurodegenerativen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gewidmet, die unter Juden libyscher und tunesischer Herkunft rund 100-mal häufiger auftritt als in der übrigen Weltbevölkerung. Dabei suchte Gabizon nach Antioxidantien, die mit Lipiden verbunden sind und die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. »Zufällig kaufte ich eine Gesichtscreme der israelischen Kosmetikfirma Lavido, die aus Granatapfelöl hergestellt wurde.« Das brachte sie auf eine Idee. »Ich rief die Firma an und bat um Proben des Öls. Dieses gaben wir dann Mäusen mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.« Daraufhin begann sich der Tod der Tiere zu verzögern.

Der nächste Schritt war die Zusammenarbeit mit dem Nanotechnik-Experten Magdassi. Und als nächstes steht eine weitere Testreihe in Kooperation mit dem Rambam-Hospital in Haifa auf dem Programm. Man möchte die Effekte des Nahrungsergänzungsmittels bei Demenzkranken untersuchen.

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