Wuligers Woche

Dezember-Dilemma in Schloss Bellevue

Schloss Bellevue Foto: Getty Images / istock

Wuligers Woche

Dezember-Dilemma in Schloss Bellevue

Einakter für drei Religionen und zwei Feiertage

von Michael Wuliger  24.12.2018 10:11 Uhr

Bundespräsidialamt. Mitte Dezember. Wöchentliche Besprechung.

Leiter Präsidialamt: »Ist die Weihnachtsansprache schon fertig? Die Fernsehleute drängen wegen des Aufnahmetermins.«

Chef-Redenschreiber: »Wir sind so gut wie durch. Alles drin: Hitzewelle, Krawalle in Chemnitz, Ausscheiden bei der Fußball-WM. Nur mit dem Schlusssatz tun wir uns noch schwer.«

Leiter Präsidialamt: »Wieso. Ist doch ganz einfach. ›Ich wünsche Ihnen allen ein besinnliches Weihnachtsfest‹ oder so ähnlich.«

Chef-Redenschreiber: »Nee, das geht nicht. Was ist mit den ganzen Nichtchristen? Der Chef legt großen Wert darauf, keine Minderheiten auszugrenzen.«

Leiter Präsidialamt: »Ich weiß. Deshalb hat er am 2. Dezember diesen jüdischen Leuchter am Brandenburger Tor entzündet. Saukalt war das an dem Abend. An der Erkältung, die ich mir dort zugezogen habe, laboriere ich noch immer.« (Niest)

Chef-Redenschreiber: »Gesundheit! Ja, die Juden sind damit abgehakt. Aber was machen wir mit den Muslimen? Die sind schon sauer, weil sie sich wieder zurückgesetzt fühlen.«

Leiter Präsidialamt: »Dann gratulieren wir denen zu ihrem Fest. Irgendwas werden die ja wohl auch feiern.«

Chef-Redenschreiber: »Nein, eben nicht. Das ist ja das Problem. Es gibt im Dezember keinen islamischen Feiertag.«

Leiter Präsidialamt (hoffnungsvoll): »Und im Januar?«

Chef-Redenschreiber: »Auch nicht. Ich habe das recherchiert. Der nächste muslimische Feiertag ist erst im Mai: Mohammeds Himmelfahrt.«

Leiter Präsidialamt: »Mist!«

Chef-Redenschreiber: »Sie sagen es. Nur Christen und Juden feiern im Dezember. Und die Buddhisten. Die hatten am 8. Dezember ihr Erleuchtungsfest Bodhi. Sollte man vielleicht sogar rein nehmen. Immerhin leben in Deutschland 270.000 Buddhisten. Mehr als Juden.«

Leiter Präsidialamt: »Gut, aber das löst immer noch nicht das Dilemma mit den Muslimen. Die werden am Ende noch verärgerter sein, wenn alle außer ihnen erwähnt werden. Dann heißt es wieder, wir seien islamophob. Ich sehe schon die Proteste. Von den diplomatischen Verwicklungen ganz abgesehen. Wahrscheinlich wird Erdogan das wieder zum Anlass nehmen, uns als Nazis zu bezeichnen.« (Überlegt) »Was haben wir denn voriges Jahr geschrieben?«

Chef-Redenschreiber: »Moment, ich schau mal kurz. Ah ja, hier ist es. ›Ich möchte meinen Weihnachtsgruß auch an die Menschen in unserem Land richten, die nicht in der christlichen Tradition aufgewachsen sind, die einer anderen oder gar keiner Religion angehören.‹«

Leiter Präsidialamt: »Bisschen dünn.«

Chef-Redenschreiber: »Zugegeben. Deshalb wollte ich ja auch diesmal eine bessere Formulierung.«

Leiter Präsidialamt: »Wir haben aber keine Zeit mehr, lange zu überlegen. Wissen Sie was? Nehmen Sie einfach den Satz vom vorigen Jahr. Aber hängen Sie dann noch einen zweiten dran. ›Das gilt vor allem für unsere fast fünf Millionen muslimische Mitbürger.‹ Damit ist die Kuh vom Eis. Nächster Tagesordnungspunkt.«

Das ZDF sendet die reale Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten am 25. Dezember um 19.08 Uhr, die ARD am selben Tag um 20.10 Uhr.

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 11.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminiski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  11.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026