Ägypten

Deutsch-islamistische Freundschaft

Muslimbrüder setzen Davidstern und Hakenkreuz gleich (auf einer Demonstration im Jahr 2006), dabei paktierten sie einst mit der NSDAP. Foto: getty

Die ganze Welt verfolgt gegenwärtig wie gebannt die Entwicklungen in Ägypten. Dort gärt es nicht erst seit Januar 2011, Ähnliches hat es schon in der Vergangenheit gegeben. Ein Blick zurück ins Jahr 1918: Der durch den Ersten Weltkrieg ausgelöste Industrialisierungsschub bricht mit dem Kriegsende in sich zusammen. Die Folge sind Arbeitskämpfe in Kairo, Alexandria und in der Kanalzone.

Die Zeit ist reif für eine neue religiöse Bewegung: Im März 1928 gründet der charismatische Prediger Hassan al-Banna die Muslimbruderschaft. Wie seine Lehrer Muhammad Abduh und Rashid Rida fordert er die Rückkehr zum Ur-Islam – für ihn die einzig wahre und daher zur Vorherrschaft bestimmte Religion. (Zum ersten Mal in der modernen Geschichte wird damit die politische Herrschaft des Islam propagiert.)

Die Muslimbruderschaft vertritt die Interessen der Arbeiter gegen die fremdländischen und monopolistischen Unternehmer. Dank der Einrichtung sozialer Institutionen für die Bedürftigen steigt die Mitgliederzahl der Muslimbrüder von 800 im Jahr 1936 auf 200.000 im Jahr 1938 und erreicht 1948 bereits 500.000.

Zweigstellen Die Bruderschaft beginnt mit dem systematischen Aufbau einer Art »Islamistischer Internationalen«. In Kairo rekrutieren Muslimbrüder gezielt ausländische arabische Studenten. Mit ihnen wird der Kaderstamm ihrer Zweigstellen in anderen Ländern aufgebaut: 1936 im Libanon, 1937 in Syrien und 1946 in Transjordanien. Als Nächstes gründet die Bruderschaft ein »Weltkomitee für Palästina und Islam«.

Es umfasst das »Nahost-Komitee«, zuständig für die arabische Welt und Afrika, die Türkei und Iran, ein »Fernost-Komitee« sowie ein »Europa-Komitee«. Das Hauptquartier der Bruderschaft in Kairo wird zum Zentrum der gesamten islamischen Welt ausgebaut.

1948 sind bereits 40.000 Mitglieder im paramilitärischen Flügel der Bruderschaft organisiert. Ihn hat man ausdrücklich zum Zweck einer bewaffneten islamischen Erhebung gegründet. Vorrang vor den organisatorischen (Abschaffung der parlamentarischen Demokratie zugunsten eines Kalifats auf Grundlage der Scharia) und ökonomischen Zielen (Abschaffung von Zins und Profit, Versöhnung von Arbeit und Kapital) hat der kulturelle Kampf der Muslimbrüder gegen alle sinnlichen und materialistischen Versuchungen der kapitalistischen und kommunistischen Welt.

dschihad Auch Selbstmordattentate sind keine Erfindung palästinensischer Terroristen der 70er-Jahre, vielmehr entstand die Idee in Ägyptenein halbes Jahrhundert zuvor, als es weder einen Nahostkonflikt noch Israel gab. Völlig neu ist die spezifische Auslegung des Koran, wie die Bruderschaft sie betreibt. In ihrem Mittelpunkt steht das Konzept des Dschihad als heiliger Krieg. Damit verbunden ist das mit Sehnsucht verfolgte Ziel, im Krieg gegen die Ungläubigen als Märtyrer zu sterben. 1938 schreibt Hassan al-Banna seinen berüchtigten Leitartikel »Die Todesindustrie«.

Der Ausdruck bedeutet für ihn nicht Horror, sondern beschreibt das Ideal. Denn gemäß dem Koran, so al-Banna, sei es dem Gläubigen aufgegeben, den Tod mehr zu lieben als das Leben. Einen Dschihad zugunsten materieller oder egoistischer Ziele lehnt al-Banna dagegen strikt ab. Das bedeutet, der Dschihad dient den Muslimbrüdern nie zur Verbesserung der Situation des zum Märtyrertod bereiten Selbstmordattentäters – wie im Westen so gerne propagiert wird –, sondern ausschließlich der Bekämpfung des zum absoluten Bösen gestempelten Feindes.

Mit der Berufung auf den Ur-Islam übernehmen die Muslimbrüder auch Mohammeds Feindschaft gegen die Juden. Nicht die Briten, die sich jahrzehntelang ins Leben der Ägypter einmischen, sind der Feind der Muslimbrüder, sondern die Juden. Bis zum Amtsantritt des eher deutschlandfreundlichen Königs Faruk (1937) leben die Juden in Ägypten relativ ungestört als eine geachtete und geschützte Gruppe und nehmen am öffentlichen Leben teil.

Sie sind im Parlament vertreten, im Königspalast angestellt, und sie besetzen bedeutende Posten in Politik und Wirtschaft. Auch die zionistische Bewegung wird zu diesem frühen Zeitpunkt unbefangen akzeptiert. Delegationen aus dem britischen Mandatsgebiet werden in Ägypten herzlich empfangen, Studenten der Ägyptischen Universität nehmen an sportlichen Wettkämpfen in Tel Aviv teil. Während der Unruhen in Palästina 1929 instruiert das ägyptische Innenministerium sein Pressebüro, alle antizionistischen und antijüdischen Artikel zu zensieren.

nazis Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, gibt es in Ägypten massenhafte Proteste, nicht nur der großen jüdischen Gemeinde (70 bis 80.000 Mitglieder). Deutsche Produkte werden boykottiert und die Aufführung deutscher Filme in Kairoer Kinos militant verhindert. Das missfällt im Deutschen Reich. Bereits seit 1926 baut Alfred Heß, der Bruder des späteren Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, die Landesgruppe Ägypten der NSDAP/AO (Auslandsorganisation) auf.

Da sie wenig erfolgreich ist, drohen die Nazis in Deutschland mit einem Boykott der ägyptischen Baumwolle, dem wichtigsten Exportgut des Landes. Diese Drohung wirkt. Die ägyptische Regierung macht eine Kehrtwendung und verurteilt die antideutsche Boykottbewegung. Auch die ägyptische Presse stellt angesichts der deutschen Drohung die Juden als Zerstörer der ägyptischen Wirtschaft an den Pranger.

1935 eröffnet das Deutsche Reich in Kairo eine Zweigstelle des Deutschen Nachrichtenbüros. Drei Jahre später ist Deutschland zum zweitgrößten Importeur ägyptischer Waren aufgestiegen. Die Kairoer Ortsgruppe der NSDAP weckt gezielt unter der arabischen Bevölkerung eine antijüdische Stimmung. Der Angriffspunkt ist Palästina. Durch die vom Deutschen Reich provozierte Flucht von Juden aus Deutschland nach Palästina erreichen die jüdischen Einwandererzahlen ungeahnte Höhen. Die Reaktion lässt nicht auf sich warten. 1936 ruft der Mufti von Jerusalem einen arabischen Generalstreik gegen die jüdische Einwanderung und die britische Mandatspolitik in Palästina aus.

palästina Das ist der Startschuss auch für die Muslimbrüder. Im Mai 1936 rufen sie zum Boykott der Geschäfte ägyptischer Juden auf. Auf gewalttätigen Demonstrationen von Studenten in Kairo, Alexandria und Tanta im April und Mai 1938 sind Rufe wie »Nieder mit den Juden!« und »Juden raus aus Ägypten und Palästina!« zu hören.

Junge Ägypter werden aufgefordert, nur noch »islamische« Produkte zu kaufen und sich für den Dschihad zur Verfügung zu stellen. Im Juni 1939 werden in einer Kairoer Synagoge und in jüdischen Privathäusern die ersten Bomben gelegt. Jetzt bietet Palästina die Möglichkeit, die umma, die Gemeinschaft aller Muslime der Welt, hinter einem Ziel zu vereinen: Sieg oder Märtyrertod im Kampf um Palästina.

Wie erfolgreich die Kampagne der Muslimbrüder ist, zeigt sich im Oktober 1938. Zu einer »Islamischen Parlamentarierkonferenz zugunsten von Palästina« reisen der saudische Prinz Feisal und der Imam des Jemen an. Auch die ägyptische Regierung nimmt daran teil. Organisiert wird sie von al-Banna und seinen Gefolgsleuten. Aber auch noch lange danach wirken die Muslimbrüder. So sei nur nebenbei bemerkt, dass die von Scheich Ahmed Yassin 1978 gegründete Hamas im Gazastreifen ein Ableger der Muslimbrüder ist.

Giora Feidman

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