Geschichte

Des Diktators linke Jugend

»Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?«, titelte einst die Satirezeitschrift Titanic. »War der junge Hitler Antisemit?«, diese Frage stellt und verneint Ralf Georg Reuth in seinem Buch Hitlers Judenhass. Er glaubt belegen zu können, dass Hitler bis zu seinem 30. Lebensjahr ein Linker war. Tatsächlich spricht manches für diese scheinbar verrückte These. So existiert vor dem Sommer 1919 nicht ein einziges Zeitdokument, das Hitler als Judenhasser ausweisen würde. Zwar brüstet er sich 1924 in Mein Kampf, er habe die »jüdische Gefahr« bereits in Wien erkannt, doch könnte dies dem Wunsch entsprungen sein, sein früheres Denken vor seinen neuen Mitstreitern zu verheimlichen, versuchte er doch, sich zum unfehlbaren Heiland zu stilisieren.

räterepublik In Wien pflegte er gute Kontakte zu Juden und soll sich Zeitzeugen zufolge gar nicht oder eher positiv über sie geäußert haben. Im Nachkriegsmünchen sympathisierte er sogar mit den linken Todfeinden der antisemitischen Rechten: Filmaufnahmen zeigen ihn auf dem Leichenzug für den im Februar 1919 ermordeten jüdischen Sozialrevolutionär Kurt Eisner. Dorthin könnte er sich verirrt haben. Aber als zwei Monate später die Räterepublik ausgerufen und deshalb die Kasernenräte neu gewählt wurden, erhielt der Gefreite Hitler die zweitmeisten Stimmen in seiner Kompanie.

Reuth: »Der Mann, der für diesen Zeitpunkt schon für sich beanspruchte, im Bolschewismus das ›teuflische Instrument des internationalen Judentums‹ erkannt zu haben, war nun Funktionär im Räderwerk der kommunistischen Weltrevolution!« Erst als die Räterepublik blutig niedergeschlagen wurde, wechselte Hitler die Seiten. Von da an interessierte er sich zunehmend für antisemitische Verschwörungsideologien.

wahn Reuth zufolge war es die wahnhafte Verarbeitung von drei Entwicklungen, die aus dem Sozialisten einen begeisterten Anhänger des Nationalsozialismus machte: die kommunistische Bedrohung, der Versailler Vertrag und das wirtschaftliche Elend in Deutschland. Schon in seinem ersten antisemitischen Pamphlet vom September 1919 wetterte Hitler, die Juden seien »die treibenden Kräfte der Revolution«, die er noch im Frühjahr selbst unterstützt hatte. An seiner antikapitalistischen Grundhaltung hatte sich wenig geändert. »Die Macht der Juden ist das Geld«, hieß es im selben Text. Der wahre Sozialismus war ihm von nun an national. Den regierenden Sozialdemokraten warf er in erster Linie vor, das »Schanddiktat« von Versailles akzeptiert und Deutschland an die Juden verraten zu haben.

Reuth ist überzeugt, dass Hitlers persönliche Entwicklung typisch für seine Generation war. Er betrachtet das Ergebnis der Wahlen vom Januar 1919 – 76 Prozent der Stimmen für die links-bürgerliche Weimarer Koalition – als »eine überaus beeindruckende Manifestation für eine republikanisch-demokratische Zukunft des Landes und eine klare Absage an die Rechte«. Ihm zufolge trieben erst die sehr reale kommunistische Gefahr und die politische und wirtschaftliche Schwächung Deutschlands durch die Bedingungen des Versailler Vertrages mehr und mehr Deutsche in die Arme völkischer und antisemitischer Populisten – von denen Hitler nur einer war.

Reuth will nicht verharmlosen oder gar entschuldigen. Nie entlässt er die Antisemiten aus der Verantwortung für ihr Tun. Er sucht die historische Wahrheit. Wie nahe er dieser kommt, darüber darf und soll gestritten werden.

Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass – Klischee und Wirklichkeit. Piper, München 2009, 376 S., 22,95 €

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