Nachruf

Der Soziologe und das »Gedächtnistheater«

Y. Michal Bodemann (1944–2025) Foto: privat

Sein Salon war legendär. Unter dem Titel »Juden zum Tee« lud der Soziologe Y. Michal Bodemann immer wieder gemeinsam mit Micha Brumlik zu Treffen ein. Die Teerunden in Bodemanns Wohnung waren eine Fortführung der »Jüdischen Gruppe«, die bereits 1980 in Frankfurt ins Leben gerufen worden war. In der Gruppe versammelten sich jüdische Wissenschaftler, Künstlerinnen und Intellektuelle wie Dan Diner, Brumlik und Cilly Kugelmann, um sich auszutauschen. Viele von ihnen fühlten sich von der offiziellen Gemeindepolitik nicht mehr vertreten oder distanzierten sich von manchen Positionen der israelischen Regierung.

Aus diesem Kreis heraus entstand die Zeitschrift »Babylon«, die wichtige Beiträge zur jüdischen Gegenwart und Erinnerungskultur leistete. Dank einer Einladung von Micha Brumlik hatte ich eines Tages das große Glück, an den Treffen in Michals Wohnung teilzunehmen und ihn kennenzulernen.

Ob zu Pessach oder Chanukka, in seinem Berliner Salon, auf Sardinien oder in Mecklenburg – Michal war ein wunderbarer Gastgeber und großartiger Koch. Trotz seiner Krankheit machte er bis zum Schluss unbeirrt weiter. Im August, als wir alle noch einmal in Mecklenburg zusammenkamen, um seinen 80. Geburtstag zu feiern, ließ Michal es sich nicht nehmen, ein Lamm zuzubereiten, das ihm sein Nachbar geschenkt hatte. Er spannte das halbe Lamm auf einen großen Spieß und grillte es mit viel Hingabe. Doch er teilte das Lamm nicht nur, sondern portionierte es auch in kleine Stücke und erledigte all das ganz allein.

Seine Liebe zur Natur und sein Fernweh führten ihn schon früh nach Sardinien

Seine Liebe zur Natur und sein Fernweh führten ihn schon früh nach Sardinien. Im Alter von 17 Jahren reiste er per Anhalter dorthin – eine Reise, die sein Leben prägte. Bei einem seiner vielen Aufenthalte dort verliebte er sich in das Bergdorf Talana, das über 60 Jahre lang ein fester Bezugspunkt für ihn blieb.

Y. Michal Bodemann wurde am 9. März 1944 im Allgäu geboren und lebte zwischen Kanada, den USA, Italien und Berlin, wohin er später zurückkehrte. Er wuchs im Deutschland der Nachkriegszeit auf, das er als junger Mann verließ, um an der Brandeis University in den USA sein Studium fortzusetzen. Dort promovierte er zur Sozialstruktur Süditaliens, insbesondere Sardiniens.

Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2012 lehrte er Soziologie an der Universität Toronto. Gastprofessuren führten ihn nach Berlin an die FU und an die Humboldt-Universität, an die Universität Potsdam, die Universitäten Haifa, Tel Aviv und die Hebrew University. In der qualitativen Feldforschung setzte er sich für das Konzept der »interventiven Beobachtung« ein – eine Methode, bei der die Forschenden aktiv am sozialen Leben der untersuchten Gruppe teilnehmen. Er engagierte sich für marginalisierte Gruppen aus der Perspektive eines Außenseiters und bot Raum zum Austausch neuer Ideen.

Der Begriff »Gedächtnistheater« wurde unter anderen von Max Czollek aufgegriffen

Sein 1996 erschienenes Buch Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung ergründet deutsche Erinnerungspolitik. Der Begriff »Gedächtnistheater« wurde unter anderen von Max Czollek aufgegriffen und wird bis heute kontrovers diskutiert. Mit A Jewish Family in Germany Today: An Intimate Portrait (2004) trug er zur Wiederentdeckung jüdischen Lebens in Deutschland bei.

Zudem analysierte er in seinen Schriften die Verbindungen zwischen jüdischer Präsenz und türkischer Migration in Deutschland, wie in seinem Werk Staatsbürgerschaft, Migration und Minderheiten (2010). Zu seinen weiteren Veröffentlichungen zählt Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden. Neue Perspektiven (2010), das er gemeinsam mit Micha Brumlik herausgab. Sein letztes Buch Die erfundene Gemeinschaft. Erinnerungspolitik, Staat und Judentum in Deutschland erschien nur wenige Tage vor seinem Tod.

Aus seiner ersten Ehe mit Robin Ostow stammen die Töchter Natasha, Naomi und Nurit. In zweiter Ehe heiratete er Gökce Yurdakul, mit der er die Tochter Yudit Daphne bekam. In den letzten Jahren fand er mit Miri Keshet seine große Liebe. Michal war sehr stolz auf seine vier Töchter und drei Enkelinnen. Anfang Januar ist er in Berlin gestorben. Ich trauere mit der Familie. Danke, Michal!

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026

Kulturkolumne

Jüdischer Humor als Überlebensstrategie

»Happy Place«: Eine TV-Serie, bei der es sich sicher anfühlt zu lachen, aber den Schmerz dahinter auch tatsächlich zu spüren

von Laura Cazés  29.01.2026

Rechtsstreit

Bericht: Schauspielerin verliert Hauptrolle wegen Pro-Israel-Haltung

In »Die Todessehnsucht der Maria Ohm« sollte Sarah Maria Sander laut Vertrag die Hauptrolle spielen

 29.01.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 29.01.2026

Australien

»Respekt für Gil«

Was das Dschungelcamp an seinem 5. Tag abliefert, könnte glatt schon hart an die großen Brecht’schen Dramen heranreichen

von Martin Krauss  29.01.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Das kann es nicht gewesen sein«

Was genau er damit meint und ob er sich auf den Skandal bezieht, der das öffentliche Bild von ihm zuletzt geprägt hatte, lässt Ofarim als Cliffhanger offen

 28.01.2026

"Dschungelcamp"

Anwalt von Gil Ofarim warnt vor Grenzüberschreitung

Alexander Stevens sagt, es würden teils unwahre Tatsachenbehauptungen verbreitet, die strafrechtliche Konsequenzen haben könnten

 28.01.2026