TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

»Die Macht des Rings - 150 Jahre Ring des Nibelungen« In Richard Wagners Oper »Die Walküre« ist es die große Esche, in die der Gott Wotan einst das Schwert Nothung gestoßen hat: Nur der wahre Held kann es herausziehen. Foto: © Accentus Music

»Wenn ich Wagner höre, habe ich das dringende Bedürfnis, in Polen einzumarschieren.« Dieser makabre Spruch von Woody Allen verdeutlicht die Ambivalenz jener Musik, die von Hitler verehrt wurde, in der die Nazi-Ideologie aber keineswegs aufgeht. Die Arte-Dokumentation »Die Macht des Rings« am Samstag ab 22.35 Uhr verbeugt sich vor Richard Wagners Ring des Nibelungen.

Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums seiner ersten kompletten Aufführung, die zwischen dem 13. und dem 17. August 1876 in Bayreuth stattfand, rekapituliert Andy Sommer, bekannt durch preisgekrönte Dokumentationen zu Musikthemen, zusammen mit dem Schriftsteller Boris Schumatsky die Rezeptionsgeschichte eines schillernden Gesamtkunstwerks.

Brünhilde als Erzählerin

Doch wie stellt man 15 Stunden Musik nebst der Biografie des Komponisten, der Entstehungsgeschichte des Werks sowie seine komplexe Rezeptionsgeschichte in knapp einer Stunde dar? Die Autoren greifen zu einem Trick. Sie lassen die Schauspielerin Marina Frenk in die Rolle der Brünhilde schlüpfen, der Schlüsselfigur des Rings: »Ich kenne diese Geschichte von innen und begleite Sie durch diesen Film«.

Und so erklärt Brünhilde, dass jener Mann, aus dessen Feder ihre Figur entstammt, 1849 bei den Dresdner Maiaufständen als Sozialrevolutionär in Erscheinung trat. Wegen Hochverrats steckbrieflich gesucht, floh er nach Zürich, wo er jenes monumentale Epos um Götter, Menschen, Gier und Gold verfasste, bei dem er antikes Drama, nordische Sagen und Shakespeare miteinander verflicht. Noch keine einzige Note des Rings hatte er damals komponiert.

Hier offenbart sich eine Schwachstelle der Dokumentation: Auf Wagners Relevanz als Erneuerer der europäischen Musik im 19. Jahrhundert geht der Film nur am Rande ein. Etwa, wenn der Fokus sich auf die Bedeutung des Leitmotivs für die Ringerzählung richtet.

»Kapitalismuskritiker im Luxushotel«

Der Film erinnert daran, dass Wagner als »Kapitalismuskritiker im Luxushotel« ausgerechnet von jenen Reichen und Mächtigen gesponsert wurde, die er anprangerte. Dank großzügiger Zuwendungen unter anderem von Ludwig II. konnte er sein monumentales Werk schließlich zur Aufführung bringen. Doch die erste Ringinszenierung war ein Fiasko. Rheintöchter, die eigentlich schweben sollten, hingen auf Gestellen »wie nasse Wäsche«, der Spott »Der Ring, der nie gelungen« - so der Satiriker Paul Gisbert - saß tief. Gegenüber seiner Frau äußerte Wagner den Wunsch zu sterben.

Doch die enorme Innovationskraft des Gesamtkunstwerks, so die Doku, verhalf dem Komponisten schließlich zum Durchbruch. Wagner hatte ein völlig neuartiges Opernhaus konstruiert. Mit der Verdunkelung des Zuschauerraums, der frontalen Ausrichtung des Publikums und dem unsichtbaren Orchestergraben schuf er in Bayreuth eine konzentrierte Wahrnehmungsform, die auch schon zentrale Bedingungen des späteren Kinos - insbesondere die Konzentration auf eine illusionistische Bild- und Klangwelt - vorwegnahm.

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Das Kernthema der Dokumentation ist Wagners Antisemitismus, der in einer Frühschrift explizit wird. Transportiert auch die Ringerzählung judenfeindliche Klischees? Laut dem Schweizer Wagner-Spezialisten Armin Trösch gibt es im Libretto »keine Zeile, die gegen Juden ist oder Juden erwähnt«.

Diese Position prallt gegen die Sichtweise von Barry Kosky, dem ersten jüdischen Bühnenregisseur, der in Bayreuth inszenierte. Die Position Adornos paraphrasierend, seien Wagners Figuren zwar keine direkten antisemitischen Klischees. Sie seien aber getränkt in »jahrhundertealtem europäischen Antisemitismus«.

Bogen in die Gegenwart

Enthält der Ring somit auch eine Art musikalisches Gen, das die Vereinnahmung Wagners durch die Nazis als naheliegend erscheinen lässt? In diesem Punkt argumentiert die Dokumentation differenziert. Die Autoren erinnern daran, wie Wagners musikalische Essenz, der »Ritt der Walküren«, durch Francis Coppolas »Apocalypse Now« umkodiert wurde. Kinogänger von heute assoziieren mit diesen Klängen keine Wagnerfiguren, sondern Hubschrauber, die ein vietnamesisches Dorf überfallen. Ist also das Band zwischen Klängen und Ideologien nicht sehr viel lockerer geknüpft als gemeinhin angenommen? Dieser Punkt wird leider nur gestreift.

Die Doku reißt auch noch das Thema der Weiblichkeit an. Während Wagners Männerfiguren meist jammern oder in der Heldenpose erstarren, sind Frauen die Intelligenteren - sie handeln. So lautet eine feministische Lesart des Rings. Der Film erinnert schließlich noch an jene mutmaßliche »Jahrhundert-Inszenierung«, die Patrice Chéreau 1976 anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Bayreuther Festspiele inszenierte. Hier neigen Sommer und Schumatsky zur Verkürzung. Unter den weltweit herausragenden Produktionen hätte man die Frankfurter Inszenierung von Michael Gielen und Ruth Berghaus aus den Jahren 1985 bis 87 erwähnen können.

Zuletzt schlägt die Doku noch einen Bogen in die Gegenwart der Popkultur. Dass ein gewisser J.R.R. Tolkien sich mit seinem »Herr der Ringe« auch bei Wagners Ring bediente, gilt als Gemeinplatz, der schon filmisch aufgegriffen wurde. Ist aber auch der Comicheld Superman ein Nachfahre von Siegfried - und Darth Vader, der finstere Schurke aus »Krieg der Sterne«, ein »Wotan mit schwarzem Umhang«? Das erscheint verkürzt. Dennoch ist dieser kurzweilige Film - in dem die Statements des Philosophen Slavoj Zizek wie ein modisches Accessoire erscheinen - trotz der Verknappung durchaus anregend.

»Die Macht des Rings«, Regie: Andy Sommer, Boris Schumatsky, Arte, 15. August, 22.35 Uhr.

Boris Schumatsky

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