Finale

Der Rest der Welt

Ich habe einen Schwiegervater, der ist Nichtjude. Er heißt Olaf und ist in der DDR aufgewachsen. Er nennt sich einen Atheisten – und praktiziert das konsequent. Das bedeutet, dass er alles der logischen Ratio unterordnet. Mit Halleluja muss ich ihm schon gar nicht kommen, auch nicht mit Gefilte Fisch. Er hat Physik studiert und weiß natürlich alles besser als ich. Wir sitzen in seinem Garten, und ich sage: »Oh, das ist aber ein komischer Vogel!« worauf Olaf kommentiert: »Das ist ein Rotspecht, er misst etwa 23 cm und legt drei bis sieben Eier.«

Mein Schwiegervater weiß sehr viel. Am liebsten spricht er über seine Zeit beim Militär, damals vor dem Mauerfall. Manchmal versuche ich mitzuhalten und erwähne meine drei, vier Anekdoten aus der Schweizer Armee. Olaf hört zu und erzählt dann weiter von den Truppenverschiebungen nach Moskau. Auch ich höre zu und erwähne, dass ich auch einmal von Zürich nach Basel verschoben wurde. Er guckt mich mitleidig an und berichtet von den schlimmen Militär-Unfällen, die er miterlebt hat. Etwas kleinlaut schildere ich von Hühneraugen, die ich von den langen Märschen bekommen hatte.

Schlaffi Der Punkt ist der: In Olafs Augen bin ich kein richtiger Mann. Eher so ein Schlaffi. Mein Schwiegervater ist auch zwei Zentimeter größer als ich und leider auch sportlicher. Ich glaube, so richtig als Schwiegersohn hat mich Olaf noch nicht akzeptiert. Meine Frau ist da anderer Meinung. Olaf würde mich lieben, behauptet sie. Mich lieben? Diesen Sommer waren wir wieder bei ihnen. Meine Kinder stürzten sich natürlich gleich auf ihren geliebten Opa. Noch während ich die schweren Koffer in die Wohnung reintragen musste, las er ihnen aus einem Buch vor – Physik für Kinder. »Wer will Pfannkuchen backen?«, rief er plötzlich. Alle wollten Pfannkuchen backen. Wir standen in der Küche. »Na, Benjamin, gut angekommen?«

Meine Frau antwortete für mich: »Nee, ihm wird doch immer kotzübel im Flugzeug!«. Lautes Gelächter in der viel zu engen Küche. Draußen weinte das Baby. Schnell nahm ich es in den Arm und sang ihm vor: »Tanze mit mir in den Morgen hinein.« In der Schweiz klappt das immer, nur nicht hier, hier in Deutschland. »Komm, Benjamin, gib sie mir!« Klar, bei ihm schlief sie sofort wieder ein.

Am Abend war dann Schabbat-Eingang. Die Kinder schön angezogen, die Frau duftete süß, und das mitgebrachte Essen sah gut aus. Kiddusch! Ich begann zu singen. Die Kinder lösten sich vom Opa und umklammerten mich. Herrliches Gefühl, tut mir leid, aber so war das. Ich dehnte das Lied bis zur letzten Silbe aus und schloss die Augen. Tränen schossen mir hoch, und ich musste die Augen öffnen.

Wo sind die Kinder? Natürlich wieder beim Opa. Er hatte mein Gebet gefilmt und zeigte es nun den Kindern. Dabei hörte ich meine eigene Stimme. Sie hörte sich wie die Stimme einer Frau an. Ich bin so ein Schlaffi!

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