Finale

Der Rest der Welt

Foto: imago images/U. J. Alexander

Finale

Der Rest der Welt

Wo der Duden irrt oder Warum ich keine jüdische Mitbürgerin sein will

von Ayala Goldmann  03.02.2022 08:09 Uhr

Wahrscheinlich war es mal wieder gut gemeint. Der Online-Duden hat einen »besonderen Hinweis« zum Wort »Jude« veröffentlicht – gekennzeichnet mit dem Symbol einer Glühbirne.

Darin heißt es: »Gelegentlich wird die Bezeichnung Jude, Jüdin wegen der Erinnerung an den nationalsozialistischen Sprachgebrauch als diskriminierend empfunden. In diesen Fällen werden dann meist Formulierungen wie jüdische Menschen, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger oder Menschen jüdischen Glaubens gewählt.«

Drei-Tage-Juden Eine Glühbirne ist keine Trigger-Warnung, sondern in der Symbolik des Duden eine Erläuterung. Trotzdem gibt mir der Eintrag zu denken: Ich hasse nämlich nichts mehr als die Bezeichnung »jüdische Mitbürgerin«. Auch »Mensch jüdischen Glaubens« möchte ich mich ungern nennen lassen und habe dabei zahlreiche Drei-Tage-Jüdinnen und Drei-Tage-Juden auf meiner Seite, die genauso oft in die Synagoge gehen wie Sie und ich.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Bezeichnung als »Mensch jüdischen Glaubens« der Erläuterung des Begriffs »Jude« im Duden widerspricht. Darin heißt es: »Angehöriger eines semitischen Volkes, einer religiös beziehungsweise ethnisch zusammengehörenden, in fast allen Ländern der Erde vertretenen Gemeinschaft«. Religiös beziehungsweise ethnisch – warum dann also »Menschen jüdischen Glaubens«?

Ich kenne keinen einzigen Juden – weder gläubig noch ungläubig –, der sich ungerecht behandelt fühlt, wenn er als Jude bezeichnet wird. Als »diskriminierend« empfinden den Begriff »Jude« wohl eher Nichtjuden, denen es unangenehm ist, das Wort auszusprechen – »wegen der Erinnerung« et cetera.

Hölle Aber was können wir dafür? Muss der Duden deswegen auf Formulierungen hinweisen, die reine Verlegenheitslösungen sind, durch die wir aber erst recht darauf gestoßen werden, dass unsere Gesprächspartner gerade ein Problem haben?

Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert. Deshalb würde ich mich freuen, wenn den geschätzten Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Duden-Redaktion ein Licht aufginge und sie ihren »besonderen Hinweis« noch einmal überdenken könnten. Denn wozu könnte es führen, wenn das Unbehagen halb offiziell wird?

Am Ende will überhaupt niemand mehr mit uns reden, weil man sowieso immer ins Fettnäpfchen tritt, egal, wie man die Juden nennt (nein, »Globalisten« trifft es auch nicht). Und versuchen Sie bloß nicht, politisch korrekte Witze zu erzählen: »Wie viele jüdische Mitbürgerinnen braucht man, um eine Glühbirne für eine jüdische Mutter einzuschrauben? Gar keine. Sie sitzt lieber im Dunkeln.«

Klingt nicht gut, oder? Eine Facebook-Freundin hat den Wahnsinn auf den Punkt gebracht: »Wir sollten darauf achten, nicht als J-Wörter zu enden!«

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