Finale

Der Rest der Welt

Vielleicht haben Sie es gelesen: In Zürich wurde ein Teddybär gestohlen. Er befand sich außerhalb eines Brillengeschäfts auf einem kleinen Hocker. Der Teddy trug eine Plastikbrille und trotzte jedem Wetter. Seit Jahren laufe ich an ihm vorbei und denke mir jedesmal: »Immer noch nicht gestohlen!«

Dann berichtete aber eine kleine Lokalzeitung, dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag der Teddybär entwendet wurde. Die Nacht war klar, und es herrschten kalte Temperaturen. Die Aufregung ist natürlich riesig. Wie häufig werden Teddys geraubt? Im Prinzip könnten es alle Bewohner Zürichs sein. Möglich ist aber auch, dass es griechische oder spanische Touristen waren. In der Nähe ist nämlich die Jugendherberge.

Ich selbst habe den Teddy nur flüchtig gekannt. Am Schabbat lief ich jeweils an ihm vorbei und dachte stets daran, dass er dem Rabbiner sehr ähnelt. Beide neigen zur Korpulenz und zottigem Aussehen. Meine Kinder haben die Meldung natürlich auch erfahren. Große Ereignisse sprechen sich in unserem Viertel schnell rum.

Goj Meine Tochter, fünf Jahre alt, hatte gleich einen Verdacht: »Der Dieb war sicher ein böser Goj!« Sie geht in den jüdischen Kindergarten und lernt dort die Vorzüge des jüdischen Volkes. Natürlich war ich gleich zur Stelle: »Beim Dieb kann es sich auch um einen bösen Juden handeln, Liebste.«

Aber da war sie total anderer Meinung. Nein, es muss ein böser Goj gewesen sein. Nun, so abstrus ist diese erste Täterfassung gar nicht. Ich zumindest kenne keinen zweiten Juden in unserem Viertel, der in der Nacht einen hässlichen Teddy stehlen würde. Andererseits darf man so etwas natürlich niemals laut denken. Sonst heißt es gleich wieder: »Die Juden fühlen sich als etwas Besonderes.« Im Talmud steht geschrieben (irgendwo): »Alle Ereignisse der Welt geschehen wegen den Juden.« Für die wörtliche Übersetzung will ich aber nicht bürgen. Der Teddyraub geschah also wegen der Juden. Nur, warum? Und weshalb jetzt, in der Zeit vor Chanukka?

Hochzeit Da ich weiß, dass der Rabbiner gerade in der Hochzeitsvorbereitung seiner Tochter steckt, wollte ich ihn nicht da reinziehen. Und meine Frau putzt ja die ganze Zeit die Wohnung, da will ich sie auch nicht mit komplexen Fragen ablenken. Die Klärung des Problems lag also wieder einmal bei mir selbst.

Ich zog mich aus und gönnte mir ein schönes Vollbad. Ich überlegte und überlegte. Im Badezimmer wurde es schon ganz neblig. Ich stand auf und trat an den Spiegel heran. Mit meinen Fingern schrieb ich gedankenverloren Teddybär in hebräischen Buchstaben, zumindest so, wie ich es für richtig hielt. Da, mein Atem stockte, leuchteten die Buchstaben auf! Tet, Dalet, Jud, Beth, Resch.

Der Zahlenwert, wenn man den letzten Buchstaben bitte weglässt, ergibt 25! Und am 25. Kislew haben die Juden ein Ölkrüglein gefunden! Noch gehen mir die Ausrufezeichen nicht aus! Das heißt: An Chanukka, dem 25. Kislew, wird wieder ein Teddy dort stehen! Nur wegen uns Juden!

Osnabrück

»Maler des Holocaust«

Das Nussbaum-Haus zeigt selten ausgestellte Werke des Malers Felix Nussbaum

 25.05.2020

Essay

Die Entzauberung der Welt

Die jüdische Gemeinschaft wurde im Lauf der Geschichte immer wieder von Seuchen heimgesucht – und reagierte darauf oftmals auf ganz eigene Art und Weise

von Robert Jütte  24.05.2020

Studie

Wenn »Jude« zum Schimpfwort wird

Die Soziologin Julia Bernstein untersucht Antisemitismus an deutschen Schulen aus der Betroffenenperspektive

von Jérôme Lombard  24.05.2020

Finale

Der Rest der Welt

Neues von der Schule oder Immer wieder mittwochs

von Ayala Goldmann  23.05.2020

Hannah Arendt

Kritische Gesamtausgabe der Schriften

Erstmals sollen alle veröffentlichten und unveröffentlichten Texte der Philosophin in einer Edition zugänglich gemacht werden

 22.05.2020

Judenhass

Iran veröffentlicht Bild zur »Endlösung«

Ajatollah Ali Chamenei: »Die Auslöschung Israels wird Realität werden«

 21.05.2020

Geschichte

Mediziner-Fachgesellschaft zeigt Rolle in NS-Zeit

Mehr als 230 jüdische Ärzte wurden aus Deutschland vertrieben und emigrierten, mindestens 36 wurden ermordet

 20.05.2020

Berlin

Wieder Führungen am Holocaust-Mahnmal

Der Ort der Information bleibt bis auf Weiteres geschlossen

 20.05.2020

»Briefe nach Breslau«

Liebe Großeltern

Maya Lasker-Wallfisch nähert sich in ihrem Buch ihrem eigenen Leben und dem ihrer Familie

von Katrin Richter  20.05.2020