Finale

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images/iStockphoto

Ich habe den Job gewechselt. Neue Gesichter, neuer Arbeitsweg, neue Software. Wenn man als halbwegs religiöser Jude einen neuen Job antritt, steht man immer vor der wichtigen Frage: Wie sage ich es den anderen? Also, den anderen Arbeitskollegen erklären, dass man jüdisch, orthodox, aber hoffentlich normal ist.

Die ersten Tage waren leicht. Wir gingen mittags essen. Wir verdienen alle nicht so viel, Restaurantbesuche sind nicht drin. Wir huschen in der Mittagspause deswegen in den nächsten Laden und suchen im Park ein trockenes Fleckchen. Die Kollegen verdrückten Würste, ich kaufte Kartoffelsalat. Nach einer Woche bekam ich Bauchschmerzen.

selleriesalate In der zweiten Woche widmete ich mich den Karottensalaten, dann den Gurken- und Selleriesalaten. Normalerweise freue ich mich aufs Essen. Ich bin auch immer der Erste, der in die Runde fragt, ob wir jetzt dann langsam losgehen wollen.

Die Kollegen verdrückten Würste, ich kaufte Kartoffelsalat. Nach einer Woche bekam ich Bauchschmerzen.

Irgendwann fragten mich die Kollegen beim Essen, was mit mir falsch sei. Ich antwortete ihnen, dass ich Jude bin. Betretenes Schweigen. Dann fragten sie mich, warum ich kein Schwein esse. Ich sagte, dass ich nur Huhn, Kalb und eventuell Giraffe essen kann. »Aber das hier ist Huhn«, sagte Kollege A. Und Kollege B: »Ich habe Kalbsgeschnetzeltes genommen. Das darfst du doch auch essen, das ist koscher.«

»Ich bin eben Vegetarier«, sagte ich schließlich. Ich Feigling. Aber Vegetarier wirken manchmal noch seltsamer als Koscherfleischfresser.
»Warum bist du Vegetarier?« Ich stotterte, dass ich es nicht übers Herz bringe, Fleisch von toten Tieren zu essen. Diese Argumentation habe ich einmal von fanatischen Veganern gehört. »Hast du ein Problem, wenn wir Fleisch essen?« Jetzt wurde es langsam brenzlig. Ich bin ja noch in der Probezeit und will keinen Stellungskrieg anzetteln.

probezeit »Nein, ich bin ja auch kein richtiger Vegetarier.« »Was bist du denn?« »Also, ich bin sogenannter Pescetarier«, log ich. »Ich esse Fisch, aber kein Fleisch.« Damit hoffte ich auf Verständnis, dass ich feinfühlig gegenüber Tieren, aber kein Extremist bin. Bloß nicht als Jude auffallen, schließlich muss ich die Probezeit bestehen.

Kollege C schlug mir auf den Rücken: »Gute Wahl, bin ich auch. Willst du etwas vom Fischsalat?« Ich guckte auf seinen Teller und sah ausschließlich mir unbekannte Fische. »Hatten die vor ihrem Tod Flossen und Schuppen? Ich mag halt nur solche Fische. Aber bitte glaubt mir: Sonst bin ich eigentlich normal.«

Ich denke schon die ganze Zeit darüber nach, was ich mir für Jom Kippur einfallen lasse.

Leipzig

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